Heft 
(1891) 67
Seite
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Deutsche Rundschau.

Wäger sei. Das verlangt man aber von dem Artilleristen der Flotte, und ver- steigt sich in dieser Forderung bis zu den niedrigsten Chargen.

Von dem Rekruten der Armee verlangt man nichts Gelerntes; es ist gleich­gültig, ob er einem Gewerbe angehört. Nicht so bei der Flotte: ein bereits gelernter Beruf ist die Voraussetzung; und zwar muß der Lehrgrad im Berus schon ein recht vorgerückter sein. Denn mit fünfzehn Jahren geht man als Cajütswächter und Decksjunge zur See, und nach fünf Jahren erst tritt man in den Seekriegsdienst. Es ist eine Zeit, wo man in den Gelernten schon eine Capitalkraft erblickt.

Man könnte hier einwenden, daß der Armeerekrut sich in derselben Lage befindet. Ganz gewiß; das Erlernte ist aber seine Privatsache und hat für den Heeresdienst nur sehr nebensächliche Bedeutung; beim Matrosen verhält sich das anders: er ist werthlos für den Seedienst, wenn er das Erlernte nicht mitbringt, denn er muß dem Antheil genügen, den die Ausgabe der Flotte von ihm fordert.

Trotzdem steht es zur Frage, ob der Staat ein Interesse daran hat, den Seemann für diese Mehrforderung wenn es eine solche ist, durch Geld zu entschädigen. Die Frage auf Grund des Armeegebrauchs zu verneinen, ist nicht berechtigt. Es tritt nämlich der Umstand hinzu, daß die Lohnfrage in der Armee durch die in Betracht kommende Kopfzahl einen anderen Hintergrund hat in finanzieller Beziehung.

Der Finanzeffect spielt in diesen, wie in einer Menge anderer Dinge, eine weitaus verschiedene Rolle. Beim Beginn der Flotte war diese Rücksicht noch viel einleuchtender als jetzt, und man ist deshalb dem Armeegebrauch nicht ge­folgt, und hat sich in manchen Schöpfungen von weniger eng gefaßten An­schauungen leiten lassen. Dieselben Gründe waren maßgebend, als es sich für den ersten Leiter der Flotte, den Prinzen Adalbert, um die Lohnsätze der Mann­schaften handelte, und daß die Beseitigung seiner Anschauung richtig war, soll erst noch bewiesen werden.

Zu einer Zeit, Wo man hin und wieder von dem Rückgang der seemännischen Bevölkerung hört, ist auch dieser Gegenstand der Betrachtung Werth. Was Land­wirtschaft und Bauernstand für die Armee, das ist Rhederei und Hochseefischerei für die Flotte. Leider findet aber gerade jetzt die Hochseefischerei bei der Küsten­bevölkerung wenig Anklang. Die deutsche Walfischfahrt, die eine Zeit lang ge­blüht hat, ist ganz eingegangen. Die Bewohner der Halligen und nordfriesischen Inseln haben sich ihr abgewendet, und sollen jetzt meistens der Auswanderung obliegen; auch die Küstenbewohner des östlichen Schleswig-Holstein betrieben früher die Walfifchfahrt; auch sie haben sich diesem Gewerbe entfremdet, und der dort früher landläufige Trinkspruch:Op Mord und Todtschlag in Grön­land" ist heute schon in Vergessenheit gerathen.

Den Friedensdienst auf der Flotte dem Kauffahrer und Fischer populär zu Machen und zu erhalten, ist Wohl der Mühe und des Dankes Werth.

Die eigentlich seemännische Bevölkerung beschränkt sich sonach im Wesent­lichen auf die Rhederei, also den Seehandel. Es ist deshalb nicht befremdend, Wenn in Verbindung damit gesagt wird, die Flotte sei ein Apparat des Frei-