Heft 
(1891) 67
Seite
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Maritime Trugschlüsse.

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Handels, sie befördere die Rhederei, mit dieser die Aus- und Einfuhr, den See­handel überhaupt, und mittelbar die Ausbreitung und überseeische Politik.

Allgemein genommen kann man dem beipflichten; die Wirksamkeit der einzelnen dabei betheiligten Factoren nimmt aber einen anderen Gang. Die Wehrpflicht wirkt nur insofern fördernd aus die Rhederei, als sie ihren Mannschasts- stamm kräftigt, schult, disciplinirt und verbessert. Sie vermehrt die Zahl kriegs­tüchtiger Leute, sie wirkt aber nicht unmittelbar vermehrend auf die Zahl der seemännischen Bevölkerung. Der kosmopolitische Hang, der beim Seemann nicht zu vermeiden ist, sträubt sich etwas dagegen, und trägt zur Vermehrung nicht bei.

Wenn man nun behaupten will, die Abnahme der seemännischen Bevölkerung stände damit in directer Verbindung, so ist das nicht gerechtfertigt; ist die That- sache an sich begründet was nicht ohne Weiteres zuzugeben ist so gibt es der directen Gründe genug, die es Wohl herbeiführen können.

Die Umwandlung der Segel- in Dampsfahrt ist noch nicht abgeschlossen; der Abschluß wird auch noch auf sich warten lassen; es geht nicht so schnell, wie man denkt; es gibt noch zu viele Frachtgüter, die nur unter Segel rentiren. Aber auch so, wie die Umwandlung vor sich geht, ist eine Verminderung des rein seemännischen Elementes erklärlich, und es ist ein ganz natürlicher Vorgang, daß die Theerjacke dem Heizer Platz macht.

Ein anderer directer Grund ist die jenseits des Atlantik stattsindende Er­schwerung des Absatzes unserer Products; die Mac Kinley-Bill ist in dieser Be­ziehung epochemachend; hat die amerikanische Zollunion Aussicht, so wirkt das ungünstig aus die europäische Rhederei; zum Glück ist jene Union fürs Erste nur doctrinär. Solange die Bedürfnisse des Schiffbaues übermäßig vertheuert werden, hat die europäische Rhederei den Wettbewerb Amerika's nicht zu fürchten.

Betrachtet man den Stand der öffentlichen Meinung in diesen Dingen, so findet man der Trugschlüsse nicht wenige. Auf noch mehr derselben einzugehen, fehlt der Raum; aber es ist kaum möglich, eine Sache unberührt zu lassen, die gerade jetzt vielfacher Erörterung unterzogen wird. Verfasser dieses ist wegen seines Standes zur Befestigungsfrage von Helgoland heftig angegriffen worden. Psychologen pflegen zu sagen, daß Heftigkeit und Erregtheit sich am leichtesten da einstellen, wo ein Gefühl der Unsicherheit ist. Wir leben in einer Zeit, wo baulustige Strategen über die wunderbaren Vortheile in Erregung gerathen, die dem Reich aus der Befestigung der Nordseeinsel erwachsen sollen. Der Ver­fasser hat Vortheile der Befestigung Wohl anerkannt, hat aber die Notwendigkeit einer starken Flotte in die erste Linie gestellt. Man hat ihm vorgeworsen, daß er zum Schaden der anderen strategischen Vortheile einem ungebührlichen Wachs­tum der Flotte das Wort rede. Das ist nicht der Fall, und er muß sich gegen Unterlegung von Motiven verwahren, die er weder hat noch aussprach.

Er will aber einen naheliegenden Trugschluß nicht unerwähnt lassen. Der Nordseecanal hat die Jedermann bekannten vom Generalfeldmarschall v. Moltke allerdings nicht ganz anerkannten strategischen Vortheile. Man weiß aber auch, daß es zur Verteidigung des Canales an seinem Westende des Baues einer Flottille von besonderer Specialität bedurfte; eine kostspielige Maßregel, denn die vielbesprochenen Panzerfahrzeuge sind nur diesem Zweck, und nicht anderen