Heft 
(1891) 67
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Deutsche Rundschau.

Zwecken bestimmt. Es wird gewiß nicht nöthig sein, für Helgoland eine be­sondere Flotte zu bauen; ein verhängnißvoller Trugschluß wäre es aber, zu glauben, daß die in eine Art Kronstadt verwandelte Insel der Fürsorge einer Flotte weniger bedürfte, als der einfache Schutzhafen. Und gegen einen solchen Wird sich Niemand verwahren.

Damit könnten diese Betrachtungen fürs Erste geschlossen werden. Die Ein­drücke der letzten Etatsverhandlungen sind noch zu neu, um sich ihrer ganz zu entschlagen. Solange der Reichstag nur einen Abgeordneten hat, der ein Ver- ftändniß bekundet für den Werth des Offensivvermögens einer jeden Flotte, möge sie ersten, zweiten oder anderen Ranges sein solange kann auch dieser Punkt nicht eindringlich genug erörtert werden.

Einen Trugschluß elementarer Art möchte der Verfasser zum Schluß dieses Aufsatzes noch zur Sprache bringen. Er betrifft die Erziehung der Flotte. Das­selbe Kapitel hat schon viele Federn beschäftigt, und sie sind der Aufgabe zu­weilen mit vielem, zuweilen auch mit wenigem Geschick nahe getreten. Der Gegenstand bietet so viel Stoff zur Erörterung, daß zu einem tieferen Eingehen hier nicht der Raum ist. Die Kernfrage soll aber nicht unberührt bleiben, und die Kernfrage der Erziehung ist die Marinepolitik. Frankreich ist in zweiund- zwanzigjährigem Seekrieg seinem Gegner nicht etwa unterlegen, weil es Mangel an tüchtigen Schiffen und tüchtigen Menschen gehabt hätte, sondern weil Convent, Directorium und Imperator eine Marinepolitik für gut fanden, die den Forde­rungen des Seekriegs nicht gerecht wurde.

Das Lebenselement einer Seevertheidigung ist das Offensivvermögen, und der ernste Wille es zur Geltung zu bringen. Seit den Verhandlungen der Marine­commission des Jahres t869 bis zu den Reichstagsreden über den Etat 1892, also seit nahezu dreißig Jahren wird diese Wahrheit von dem überwiegenden Theil der Volksvertretung verkannt, und hoffentlich gelingt es der Monarchie auch diesmal, wie schon einmal, der verkannten Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen.