Heft 
(1891) 67
Seite
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Deutsche Rundschau.

Spielraum, aber Recht und Sitte setzen der Willkür die nothwendigen Schranken, noch engere das natürliche sittliche Gefühl, dessen Organ das Gewissen ist. Es gibt jedoch auch neben der Pflicht noch Etwas, das außerhalb des Gegensatzes von Egoismus und Nächstenliebe steht und zu dem Besten gehört, was dem Menschen beschieden ist: es ist die selbstvergessende Versenkung des Geistes in die Objecte seiner Thätigkeit. Alle die großen Geister, an deren Werken wir uns erfreuen und bilden, die Denker und Dichter, die Künstler, Erfinder und Entdecker hatten keine Pflicht, originell und schöpferisch zu sein; sie thaten es nicht um Anderer und nicht um ihres Vortheils willen, oft genug mit Aufopferung ihres Lebensglücks, aber sie folgten einem unwiderstehlichen Drang ihres Genius; der innere Gehalt dessen, was sie suchten, zog sie an und ließ sie nicht mehr los. Dabei konnten immerhin noch die Nebenmotive des Verlangens nach Beifall, Ehre, Ruhm, auch nach Erwerb einigen Antheil haben. Obschon in schwächerem Maße, gilt das auch für die mittleren und kleineren Geister; und die selbstlose Vertiefung in das Object der geistigen Arbeit, die reine Hingabe an den Werth der Sache, die sich im Kleinen als ein ahnungsvolles Vorbild höherer Daseins­formen einem bewußten Aufgehen im Weltganzen vergleichen läßt, gehört zu den glücklichsten Momenten, zu den Höhepunkten des Menschenlebens.

Es hat sich schließlich für unsere Betrachtung der Begriff der Pflicht dem Gewissen so an die Seite gestellt, daß die beiden Sprüche: Folge deinem Gewissen und erfülle deine Pflicht, ganz das Gleiche zu besagen scheinen. Es wird auch in den allermeisten Fällen in der That so sein, daß der Zeiger des Gewissens und des Pflichtgefühls genau auf den gleichen Punkt hindeuten. Aber dennoch können sie auch auseinander treten. Die Pflicht ist concret und sachlich bestimmt, sehr oft auch äußerlich bindend. Das Gewissen, ein innerer Drang aus idealen Wurzeln sprossend, übt seine Functionen frei von Fall zu Fall. Die Pflicht kann auch zweifelhaft werden; es treten Collisionen verschiedener Pflichten ein. Für ihre Lösung kann es keine allgemeinen Regeln geben, so wenig als es Theorien gibt, um Räthsel oder verschlungene Knoten aufzulösen. Jeder Fall ist ein individueller, und die Kasuistik Pflegt stets nur Beispiele zu behandeln, die sich nicht generalisiren lassen. Die beste Entscheidung muß immer beim Gewissen stehen oder genauer durch die vom sittlichen Gefühl geleitete und controlirte Vernunft erfolgen. Das Gewissen ist in diesem Sinne schon die Magnetnadel der Sittlichkeit genannt worden.

Ich glaube mich hierfür wie für einige Hauptpunkte meiner ganzen Aus­führung auf eine in meinen Augen auch in dieser Richtung große Autorität berufen zu können.

Der deutsche Dichter, dessen Werken tiefere Einblicke in die Geheimnisse der Menschenseele zu entnehmen sind als allen Hand- und Lehrbüchern der Psychologie zusammen, hat in hohen Jahren, im charakteristischen Stil seines Alters die Summe seiner Lebensweisheit in einem denkwürdigen Lehrgedicht, das den Titel Vermächtniß" führt, in gedrängten Worten zusammengefaßt. Nachdem er von der Unsterblichkeit der Seele und von dem reichen Schatz der bereits feststehenden und nicht erst noch zu suchenden Wahrheit gesprochen hat, fährt er fort: