368
Deutsche Rundschau.
Zwanzig Jahre früher, ja nur ein Jahrzehnt früher hätten die höchsten Würdenträger der Anglicanifchen Kirche zu einem solchen Schritte sich nicht entschlossen Da eine wohlwollende Beurtheilung Darwin's und seiner Lehren seitens dw Theologen in England vor seinem Hinscheiden sehr selten War, so möge Einige- von dem der Vergessenheit entrissen werden, was drei Domprediger wenige Tagl nach demselben in London öffentlich sagten.
Der Domprediger Liddon sprach in der St. Paulls - Kathedrale zu einer zahlreich versammelten Gemeinde von dem eminenten Manne, dessen Tod ein Ereigniß vor europäischer Bedeutung sei; denn seine Werke hätten eine Art Umwälzung in de' Anschauungsweise aus einem großen Gebiete des Denkens hervorgerusen und anerkanntermaßen englischer Wissenschaft sehr viel Auszeichnung eingetragen. Der Redner gal zu, daß, als Darwin's Bücher über den Ursprung der Arten und über die Abstammung des Menschen zuerst erschienen, die in ihnen dargelegte Theorie von religiösen Männerr weit und breit als nothwendig fundamentalen Wahrheiten der Religion entgegengeseh angesehen wurde. Ein eingehenderes Studium habe jeden derartigen Eindruck wesentlick abgeändert. Man sehe ein, daß, ob Gottes schaffende Thätigkeit durch Katastrophen wie die Redeweise lautet, oder in fortschreitender Entwicklung sich äußert, es dock immer seine schaffende Thätigkeit ist und die wirklich großen Fragen darüber hinan« unberührt bleiben. Der Entwicklungsproceß, angenommen er existire, müsse einer Anfang gehabt haben. Wer begann ihn? Er muß Material gehabt haben, um da mit zu arbeiten. Wer lieferte es? Er ist selbst ein Gesetz oder ein System vor Gesetzen. Wer ordnete sie an? Selbst wenn man vorausseht, daß die Theorie absolut Wahrheit darstellt, und nicht nur eine vorläufige Art, die Dinge entsprechend den gegenwärtigen Stande des Wissens anzusehen ist, sind jene großen Fragen durch di Naturwissenschaft jetzt ebenso wenig zu entscheiden, als sie es waren, da Moses de: Pentateuch schrieb. Aber es gibt, wie es scheint, drei wichtige Lücken in der Ent wicklungsreihe, welche man gut thut, sich gegenwärtig zu halten. Da ist die groß Kluft zwischen dem höchsten Thierinstinct und dem überlegenden, sich selbst messenden sich selbst zergliedernden Denken des Menschen. Da ist die größere Kluft zwischen den Lebenden und dem am höchsten organisirten Stoff. Da ist die größte Kluft von alle: zwischen der Materie und dem Nichts. An diesen drei Punkten muß, so weit wi sehen können, der schöpferische Wille auf anderem Wege als auf dem der Entwicklun, aus vorhandenem Material eingegriffen haben, um den Geist zu schaffen, das Lebe, zu schassen, die Materie zu schaffen. Aber ohne alle Frage liegt es uns ob, in de Wissenschaft wie in anderen Dingen, jeden klar festgestellten Befund der Sinne zi respectiren; denn jeder derartige Befund stellt eine Thatsache vor, und eine Thatsach ist geheiligt, da sie ihren Platz in dem Tempel der allgemeinen Wahrheit hat Darwin's Größe ist nicht am wenigsten ersichtlich in der Geduld und Sorgfalt, mi der er kleine einzelne Thatsachen ebenso wie Gruppen von Thatsachen ermittelte un! registrirte. Wer, der sein Buch über den Regenwurm gelesen hat, könnte seine Versuch vergessen, durch welche er sich vornahm, zu entdecken, ob ein Wurm hören kann Aber eine Thatsache ist Eines, während Theorien, Hypothesen, Doctrinen — wie di der Entwicklung selbst — von genialen Männern erdacht, so daß sie Thatsachen ein schließen oder davon Rechenschaft geben, etwas ganz Anderes sind. Diese Theoriei können wahr oder nicht wahr sein, auch wenn sie glänzen und imponiren; sie können eine Generation oder ein Jahrhundert hindurch Alles vor sich her tragen in der Wel der Gedanken. Indessen die Wissenschaft kennt keine Begrenzung, und während Theorie' vorübergehen und vergessen werden, bleiben die Thatsachen.
Der Domprediger Prothero predigte in der Westminsterabtei an demselben Nachmittage gegen die Bigotterie und den Aberglauben und rühmte Darwin's rein und ernste Liebe zur Wahrheit und seinen geduldigen Fleiß bei ihrer Erforschung. Ei der größte Mann der Wissenschaft seiner Zeit, hatte ein liebenswürdiges und sanfte