Briefe von Darwin.
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Gemüth; ihm waren Stolz auf feinen Verstand und Anmaßung so gänzlich fremd, daß er mit der äußersten Bescheidenheit Meinungen über die Wahrheit, von der er selbst überzeugt war, aussprach, welche aber, wie er wohl wußte, nicht allgemein angenehm oder annehmbar war. Sicherlich lebte in einem solchen Manne jene Barmherzigkeit, welche das innerste Wesen des wahren christlichen Geistes ausmacht.
Am Abende eben dieses Tages hielt auch der Domprediger Barry, gleichfalls in der Westminster-Abtei, eine Predigt, in welcher er von Darwin sprach, als einem Führer im wissenschaftlichen Denken. Er hob hervor, daß die fruchtbare Lehre von der Entwicklung, mit der sein Name für immer verknüpft bleiben werde, sich mindestens ebenso leicht mit dem alten Worte Gottes wie mit moderneren, aber weniger vollständigen Erklärungen des Universums vertrage; das Princip der Selection stehe keineswegs im Gegensatz zur christlichen Religion, aber es handele sich dabei um eine unter göttlicher Intelligenz geübte Auswahl, und diese werde bestimmt durch die geistige Tauglichkeit jedes Menschen für das künftige Leben. Dem Menschen sei das Privilegium der Willensfreiheit gewährt, welches ihn befähige, ein Mitarbeiter Gottes in dem großen Plane der Vorsehung zu sein. Im natürlichen Leben der thierischen Welt sei der Kampf ums Dasein constantes und herrschendes Motiv, aber das geistige Leben des Menschengeschlechtes werde erfrischt und vertieft durch das Befolgen der entgegengesetzten Lehre von der Selbstaufopferung, welche allen Lehren des Evangeliums zu Grunde liege.
Die milde Ausdrucksweise dieser drei hervorragenden Theologen in der Kathedrale und in der Westminsterkirche zu London am 23. April 1882 verdient ebenso Nachahmung wie ihre Anerkennung der außerordentlichen Charaktereigenschaften, besonders der Bescheidenheit Darwin's, welcher übrigens niemals beansprucht hat, eine vollständige Theorie zu geben, und Fragen wie die nach dem Ursprung der Materie, nach dem Ursprung des Lebens, nach dem Ursprung des Geistes überhaupt nicht behandelte — er meint nur, der Schöpfer habe einigen wenigen Formen Leben eingehaucht, aus denen dann die übrigen sich entwickelten. Aber die Ermittelung der Wahrheit hat er über Alles gestellt. „Einen ehrlicheren Mann kann es nicht geben"; er wollte immer beobachten, vergleichen, denken, bewahrheiten, Einwände hören und prüfen, das Für und Wider abwägen und zügelte stets seinen kühnen, genialen'Ideenflug durch unerbittliche Selbstkritik.
Einen Beweis für seine rückhaltlose Wahrheitsliebe, auch bezüglich seiner eigenen Versäumnisse, liefern die folgenden eigenhändigen, dem Fragebogen beigefügten biographischen Notizen.
Seit meiner frühesten Jugend liebte ich es, allerlei NaturoLjecte zu sammeln und die Gewohnheiten frei lebender Thiere zu beobachten. Ich war ein leidenschaftlicher Waidmann, und das machte mich sehr unfleißig. In Edinburg vernachlässigte ich, obwohl ich die Gelegenheit dazu hatte, aus thörichtem Ekel das Studium der Anatomie, und ich habe dieses mein ganzes Leben hindurch bereut. — Ich beobachtete zu Edinburg niedere Seethiere. In Cambridge sammelte ich energisch Käfer und pfuschte ein wenig in die Geologie, aber ich studirte keinen Gegenstand wissenschaftlich, sondern nur zur Unterhaltung. Ich arbeitete nie, bis ich aus den Beagle kam, und da arbeitete ich von ganzem Herzen. 6. v.
Zu Edinburg gab mir vr. Grant, jetzt Professor an der Londoner Universität, Anleitung, die niederen Seethiere zu sammeln und zu beobachten.
Aus Grund aller dieser aphoristischen brieflichen Mittheilungen und einer Anzahl von thatsächlichen persönlichen Angaben in Darwin's Reisebeschreibung,
Deutschs Rundschau. XVII, S. 24