Heft 
(1891) 67
Seite
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Deutsche Rundschau.

meine Verdienste hinaus, denn ich weiß Wohl, daß säst meine ganze Arbeit sich auf Material stützt, das von vielen ausgezeichneten Beobachtern gesammelt wurde.

Diese immer denkwürdige Widmung wird mich anregen zu erneuten Anstrengungen, so lange ich zu irgend einer Arbeit fähig bin, und nach meinem Tode wird es ein höchst werthvolles Vermächtniß für meine Kinder sein.

Ich habe meine Empfindungen ganz ungenügend ausgesprochen und werde immer bleiben, mein Herr, Ihr verbundener und dankbarer Diener

Charles Darwin.

An Herrn Rade. Münster.

In den Jahren 1877 bis 1881 stand Darwin auch mit vr. Ernst Krause, dem Herausgeber desKosmos", im Briefwechsel, welcher vorwiegend die von Leiden zusammen edirte Schrift über Erasmus Darwin betrifft. Jedoch finden sich unter den Briefen, welche der Adressat mir freundlichst zur Verfügung stellte, einige von allgemeinem Interesse. So die drei folgenden:

Down, Beckenham, Kent

25. März 1877. Bahnstation Orpington.

8. L. H.

Wertster Herr!

Ich erhielt erst gestern Ihren vom 11. März datirten Brief. Ich danke Ihnen herzlich' für Ihre sehr freundlichen Ausdrücke mir gegenüber, aber Ihre Schätzung meiner wissenschaftlichen Arbeit ist viel zu hoch. Es würde mich freuen, Ihre neue Zeitschrift zu unterstützen; aber ich habe gegenwärtig wirklich nichts zu sagen, was des Druckes Werth wäre. Ich bin so gewöhnt gewesen, Materialien für Bücher anstatt für gesonderte Abhandlungen zu sammeln, daß es für mich ein sehr seltenes Ereigniß ist, irgend Etwas für eine Zeitschrift zu schreiben. Aber ich werde Ihren Wunsch nicht vergessen, im Falle irgend eine passende Gelegenheit sich bieten sollte. Ich habe mit meinem Sohne Francis gesprochen, der später im Stande sein mag, einen Auszug aus neuen von ihm angestellten Beobachtungen mitzutheilen.

Ich will einen Punkt hervorheben, welchen Sie als Herausgeber vielleicht Ihren Lesern nahe zu legen Gelegenheit finden werden und welcher mir von ganz besonderer Wichtigkeit hinsichtlich der Descendenztheorie zu sein scheint nämlich die Unter­suchung der Ursachen der Variabilität. Warum, zum Beispiel, ist das wilde Rindvieh, welches in den Pampas umherschweist, einförmig gefärbt? während es, sobald es halb gezähmt ist, wie Azara sagt, die Farbe verändert; und so in zahllosen anderen Fällen. Wir wollen wissen, welcher Art die Aenderung in der Umgebung ist, die Variabilität in jedem einzelnen Falle herbeiführt und warum ein Theil der Organisation mehr als ein anderer afficirt wird; obwohl es gegenwärtig hoffnungslos zu sein scheint, dieses letztere Problem lösen zu wollen. Ich muß annehmen, daß Licht auf diesen schwierigen Gegenstand geworfen werden könnte durch Versuche und Beobachtungen an kürzlich domesticirten Thieren und Kulturpflanzen.

Mit allen guten Wünschen für den Erfolg Ihrer Zeitschrift, verbleibe ich, wertster Herr, Ihr ergebener

Charles Darwin.

Das hier sormulirte Problem hat seitdem viele jüngere Biologen beschäftigt. Ich habe in einem Vortrage über den Darwinismus am 3. April 1873 diesen schwächsten Punkt der ganzen Darwinschen Theorie ausführlich besprochen und hervorgehoben, daß viele Factoren Zusammenwirken, um die individuellen Ver­schiedenheiten der Organismen zu veranlassen. Nicht die ursprüngliche dem Lebenden von vornherein in höherem Grade als dem Todten eigene Veränder­lichkeit (Variabilität), sondern das Auftreten von neuen Eigenschaften, von Ab-