Briefe von Darwin.
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Weichungen, Verschiedenheiten (Variationen) gilt es zunächst zu erklären, wenn die erstere gegeben ist. Und in dieser Hinsicht sagte ich, daß der Zufall, das heißt das Zusammentreffen von verschiedenen von einander nicht nothwendig abhängigen Einwirkungen der Umgebung, namentlich zur Zeit der ersten Entwicklung, wo die gewebebildenden Stoffe höchst empfänglich für jeden Eindruck sind, als Hauptnrsache der Verschiedenheiten angesehen werden muß. Daher die noch allzu wenig untersuchten Einflüsse vor der Geburt für diese Besonderheiten zumeist in Betracht kommen. Wenn auch die Besonderheiten den Verhältnissen, in denen die Thiere zu leben haben, nicht immer am besten entsprechen, so daß die Anpassung die bestmögliche wird, so muß doch auch die vortheilhafteste bleibende Verschiedenheit ebenso wie manche Neubildung und Mißbildung, welche mit Anpassung nichts zu thun hat, durch Einwirkungen aus das nngeborene Thier bedingt sein. Die experimentelle Embryologie hat bereits Thatsachen zur Stütze dieser Ansicht geliefert. Jedenfalls kommt die vor 1873, soviel ich finde, für die vorliegende Frage nicht herangezogene beispiellose Jmpressionabilität der plastischen, disfereuzirbaren und von äußeren Einflüssen nachgewiesenermaßen höchst abhängigen Protoplasmen im Ei für die von Darwin mit Recht verlangte Untersuchung in erster Linie in Betracht.
Wenn übrigens die den Pampasrindern vortheilhafte gleichförmige Färbung nach einigen Generationen bei Stallfütterung verloren ging, so muß zuerst ermittelt werden, ob jede Kreuzung mit scheckigen, bereits domesticirten Thieren ausgeschlossen, oder ob etwa Rückschlag möglich war, sofern eine früher importirte bunte Rasse verwilderte und dann wieder domesticirt wurde.
Eine zusammenhängende Theorie der Variation fehlt noch. Aber durch die unabhängig voneinander entstandenen Arbeiten darüber von vr. CarlDüsing, einem meiner fähigsten und fleißigsten Jenaer Zuhörer, und von W. Brooks, sind neue Gesichtspunkte von Wichtigkeit festgestellt worden, welche man in der Zeitschrift „Kosmos" und in der Jenaischen Zeitschrift für Naturwissenschaft seit 1883 dargelegt findet. Der oben erwähnte Factor ist in des Erstgenannten Buch über die Regulirung des Geschlechtsverhältnisses (1884) nach einer speciellen Richtung eingehend und erfolgreich untersucht worden.
Ein anderer Punkt, welcher bei dem plötzlichen Auftreten neuer Eigenschaften in Betracht kommt, ist der Atavismus. In dieser Hinsicht ist von besonderem Interesse die von I)r. E. Krause Darwin mitgetheilte, von Fritz Müller entdeckte Thatsache, daß eine Südamerikanische Süßwasser-Garneele nach dem Abschneiden der Füße, diese nicht nach dem vorhandenen Muster, sondern zunächst nach dem Vorbilde einer Ahnenform neubildet, was für die Pangenesis-Hypothese Darwin's von Belang ist. Letzterer antwortete am 28. November 1880:
Mein weither Herr!
Ich muß Ihnen für Ihren höchst interessanten Brief danken. Die Nachricht in Betreff des „Kosmos" ist recht schlimm. Ich werde sein Eingehen sehr bedauern, denn ich fand in jeder Nummer Etwas, das mich lebhaft interessirte. Immerhin müssen Sie das befriedigende Gefühl haben, ein ausgezeichneter Herausgeber gewesen zu sein und die Wissenschaft in jeder Weise gefördert zu haben.
Deutsche Rundschau. XVII, 9.
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