Heft 
(1891) 67
Seite
397
Einzelbild herunterladen

Juvenal, der römische Satiriker.

397

sahrung. Denn alle diese Bilder in seinen Gedichten sind nicht gelehrten Studien entnommen, sondern beruhen auf eigenen Anschauungen. Doch diese Anschauungen mögen theilweise schon in früher Jugend gewonnen und später zu verschiedenen Malen wieder aufgefrischt worden sein. Immerhin sind sie mit dem ständigen Aufenthalt des Dichters in Rom in jenen Jahren ohne Schwierigkeit zu vereinigen, denn an ihm ist nach dem Zeugniß von zwei damals an ihn gerichteten Epi­grammen des Martial nicht zu zweifeln. Aber einmal muß er den Entschluß gefaßt haben, Rom dauernd zu verlassen und in Aquino zu leben. Ohne triftigen Grund ist das gewiß nicht geschehen; nicht leicht hat ein Athener jemals Athen oder ein Römer Rom ganz freiwillig verlassen.

In Roccasecca bei Aquino, jetzt Station der Bahn von Rom nach Neapel, ist ein von dem Dichter der Ceres in Folge eines Gelübdes auf seine Kosten ge­setzter Altar gefunden worden, der ein dort einst befindliches Heiligthum der Göttin, von einem angesehenen Geschlecht der Stadt gestiftet, schmückte. Die Ceres Helvina von Aquinum wird in einem von Juvenal's Gedichten erwähnt; das Geschlecht der Helvier, dem sie und ihr Heiligthum ihre Benennung verdanken, ist als eines der in der Stadt angesessenen inschriftlich bezeugt. In der Inschrift dieses Altars nennt sich Juvenal mit seinem vollen Namen Decimus Junius Juvenalis, verschweigt aber, gegen die Sitte, den seines Vaters; ob aus irgend einem Grunde, der mit den besonderen Umständen seiner Herkunft zusammenhing oder nicht, bleibt unsicher. Ferner gibt er darin das höchste militärische Amt an, das er bekleidet hat, den schon erwähnten Befehl der ersten dalmatischen Cohorte. Daß er daneben kein anderes Commando namhaft macht, beweist, daß jenes das höchste war, welches er erreicht hat. Dann aber bezeichnet er sich als Duumvir und Quinquennalis der Gemeinde von Aquinum, sowie als Priester des göttlichen Vespasian. Das sind die höchsten Gemeindeämter der latinischen Städte, der Duumvir dem Consul, der Quinquennalis dem nur alle fünf Jahre die Schatzung haltenden Censor in Rom entsprechend. Das Priesterthum und der Cult der unter die Götter versetzten hochseligen Herrscher ist von Augustus in den meisten Gemeinden des Reiches eingesührt worden, ebenfalls hohen Priester- thümern ähnlicher Art in Rom selbst entsprechend. Juvenal wird dieses wahr­scheinlich jährige Priesteramt noch bei Lebzeiten des Trajan bekleidet haben. Alle diese Aemter haben freie Geburt, Grundbesitz und Vermögen zur Voraussetzung; einige, wenn auch zu jener Zeit noch nicht allzu hohe Lasten, wie Aufwand für Opfer und Spiele, waren mit ihnen verknüpft. Aus den Angaben der Inschrift geht mit Sicherheit hervor, daß Juvenal, des Treibens in Rom und des Jagens nach Amt und Ehren müde, sich nach Trajan's Regierungsantritt (bis dahin setzt ihn das vorhin erwähnte Epigramm Martial's in Rom voraus) nicht bloß vorübergehend zu sommerlichem Aufenthalt nach Aquinum begeben, wie es von jeher Sitte war, sondern daß er seinen Wohnsitz dauernd dorthin verlegt hat. Denn das ist auch eine der Bedingungen für die Bekleidung jener Aemter. Ver­mählt scheint er nicht gewesen zu sein; es ist nach dem Inhalt seiner Gedichte nicht wahrscheinlich und folgt nicht aus der Bekleidung jenes Priesteramtes in seiner Heimathstadt. Nur der römische Flamen des höchsten Gottes theilte mit seiner Ehegemahlin nach altem Brauch die Würde des Amtes. Wie viele Jahre