Heft 
(1891) 67
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Deutsche Rundschau.

er in Aquirmrn seinen Wohnsitz gehabt hat, ist unbekannt; sehr lange scheint ihn sern von der Hauptstadt nicht geduldet zu haben. Vielleicht ist die Weihn an die Ceres zugleich sein Abschiedsgruß an die Heimath gewesen, deren Verwc tung er in schöner vaterländischer Gesinnung, wie sie noch heute in Italien w> verbreitet ist, eine Zeit lang Krast und Vermögen gewidmet hat. Er besaß ar in Rom ein bescheidenes Haus oder wenigstens eine Wohnung. Der nun d Fünfzigen Nahe hatte den Ehrgeiz hinter sich gelassen; in behaglicher Ru! ständig in Rom, zeitweilig in Aquino lebend, zieht er sich aus sich selbst und a den Verkehr mit wenigen Freunden zurück, die ihm auf seinem wechselvoll Lebenswege nahe getreten waren.

So treten nun vor die Seele des reifen, alle Dinge um und neben sich kl durchschauenden, durch Belesenheit in den Dichtern und Studium der Redu und Geschichtschreiber vielseitig gebildeten Mannes die Erfahrungen seines Lebe in greifbarer Deutlichkeit. Noch einmal durchlebt er im Geist die Enttäuschung seines Berufs; in schärfster Beleuchtung erscheinen vor seinem inneren Auge a die Gestalten der hohen und niederen Kreise, in denen er gelebt hat, die vornehm Männer und Frauen mit ihrem Ehrgeiz und ihren Lastern, ihren niedrigen Leide schäften und ekelen Ausschweifungen, unter ihnen der bleiche Caesar Domitia der in des Dichters Phantasie oft die Gestalt des Nero annimmt (nur ist er e kahlköpfiger Nero), die demüthigen Clienten und hochfahrenden Lakaien, t Sclaven und Freigelassenen, der hauptstädtische Pöbel aller Klassen und Berus arten, die Griechen, Syrer und Juden, die Wahrsager und Haarkräusler, t Tänzer und Akrobaten, die Gladiatoren und Circuskutscher und ihre adlig Gönner und Gönnerinnen. Die römische Dichtung besaß seit ihren Anfäng eine besondere Gattung die ursprünglich in dem Aneinanderreihen von der For und dem Inhalt nach ganz verschiedenen Stücken bestand. Unter den Händ eines genialen Mannes der gracchischen Zeit, des Lucilius, hatte diese Dichtgattm eine bestimmte Gestalt gewonnen, die von den Römern mit Stolz als eine ei heimische Schöpfung angesehen wurde. Denn obgleich sie von den Griechen t Form, in der Regel die des epischen Hexameters, entnahm und griechischem Geh vielfältige Anregung und Befruchtung verdankte, wie alle römische Dichtung, konnte sie mit Recht doch wegen ihres Inhaltes und wegen ihrer Regellosigkk als eine von den Griechen nicht gepflegte Dichtart gelten. Die römische Satii die mit dem griechischen Satyrspiel nichts zu thun hat, war dann durch Hör, zur höchsten Stufe der Vollendung erhoben, von Persius zu Nero's Zeit in eng Anlehnung an das horazische Vorbild nicht ohne Geschick wieder angewend worden. In ihr fand Juvenal die geeignete Form, in echt römischer Denka der tiefen Entrüstung Ausdruck zu geben über die eben erst vergangene Zeit, d wie ein böser Alp aus allen Geistern gelastet hatte. Die besten Männer hatt, unter ihrem Druck geseufzt, auch wenn sie nicht, wie viele, durch ihren Freimui ihr Leben aus das Spiel gesetzt hatten. Agricola war um die höchsten Ehrez Ämter gebracht worden; Tacitus blickt aus die domitianische Zeit mit edel ve haltenem Zorn zurück. Aber ihm hatte die neue Zeit, die mit Nerva und Trajo angebrochen war, doch die Zunge gelöst. Er preist mit nachdrücklicher Besriedigur die wieder erlangte Freiheit für Gedanken und Reden und spart sich als d