Heft 
(1891) 67
Seite
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Juvenal, der römische Satiriker.

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schönste Aufgabe für sein Alter auf, den Glanz der Gegenwart unter dem besten Kaiser, Trojan, zu schildern. Leider ist er zur Lösung dieser Aufgabe nicht mehr gelangt. Juvenal dagegen versenkt sich ganz in die Vergangenheit. Nur einige gelegentliche Erwähnungen von gleichzeitigen Ereignissen und Personen gestatten, die Abfassungszeit seiner Gedichte mit einiger Sicherheit sestzustellen. In den ersten Zeiten Trajan's, fünf bis sechs Jahre nach dem Tode Domitian's, hat er überhaupt erst begonnen zu schreiben. Mit steigendem Beifall trug er seine Satiren in den damals üblichen öffentlichen Recitationen vor; dann sind sie nach und nach zu einzelnen Büchern zusammen gefaßt und abschriftlich verbreitet worden. In einem Zeitraum von nahe an vierzig Jahren sind die uns noch fast vollständig vorliegenden fünf Bücher Satiren vollendet worden; nur von der letzten ist ein nicht unbeträchtliches Stück durch zufällige Verstümmelung des einzigen Exemplars, das sich bis in das späte Alterthum erhalten hatte, verloren gegangen. Die sechzehn Satiren umfassen zusammen nahe an viertausend Verse. Von dieser Dichterarbeit wird die zweite Hälfte seines Lebens ausgefüllt. Nach glaubwürdigem Bericht hat er noch den Regierungsantritt des Antoninus Pius, im Jahr 138 n. Ehr., erlebt, ist also im höchsten Greisenalter, über zweiund- achtzig Jahre alt, gestorben, wir wissen nicht, ob in Rom oder in Aquino. Wenn es ihm auch nicht gelungen ist, als Krieger und Staatsmann hervor­ragenden Ruhm, als Senator Reichthum und Einstuß zu erlangen, an lauter Anerkennung für seine dichterische Begabung hat es ihm nicht gefehlt. Wenn Tüchtigkeit der Gesinnung, treue Hingabe an den Dienst des Vaterlandes, häus­liche Tugenden zu den Kennzeichen der glücklichsten Zeit des Menschengeschlechts, des zweiten und dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, gehören, so darf dem Juvenal ein erheblicher Antheil an der Verbreitung jener Vorzüge nicht ab­gesprochen werden.

Aus der Heftigkeit seiner Angriffe gegen den Kaiser und seine Günstlinge haben die grammatischen Erklärer seiner Gedichte schon im dritten Jahrhundert in Verbindung mit der ans den Gedichten, wie wir sahen, sich ergebenden That- sache, daß er ferne Länder gesehen hat, den ganz willkürlichen Schluß gezogen, daß ihn, wie einst den Ovid, dafür die Strafe der Verbannung getroffen habe. Absurder Weise scheint die Verbannung zuerst dem Nero zur Last gelegt worden zu sein, welcher starb, als Juvenal dreizehn Jahre alt war. Mit nicht größerem Rechte glaubte man sie dem Domitian aufbürden zu müssen, unter dessen Re­gierung Juvenal keine Zeile veröffentlicht hat. Endlich sind auch dessen Nach­folger Trajan, Hadrian und sogar der edle Antoninus Pius ohne den Schatten eines Grundes dafür verantwortlich gemacht worden. Auch über den Ort der Verbannung erging man sich in leeren Vermuthungen; da man ihn möglichst weit suchte, so wurden Aegypten und Britannien genannt, wo sich der Dichter ja in der That ausgehalten hat. Die noch immer geglaubte Fabel ist ungeschickt ersonnen und mit den beglaubigten Thatsachen von Juvenal's Leben nicht in Einklang zu bringen. Daß sie im späten Alterthum Glauben gefunden hat. ist nicht zu verwundern; Wohl aber, daß sie auch von den neueren Kritikern, mit wenig Ausnahmen, für beglaubigte Ueberlieserung angesehen worden ist, während diese sich doch sonst auf die Unabhängigkeit ihres Urtheils etwas zu gute thun. Aber