Heft 
(1891) 67
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Deutsche Rundschau.

die Fabel von der Verbannung ist ein werthvolles Zeugniß für die Gewalt des Eindrucks, die man den Satiren des Dichters beimaß.

II.

Die Erfahrung lehrt, daß die größten Humoristen, wie komische Schauspieler, allezeit zu Späßen und Witzen aufgelegte Naturen, oft im Grunde zu tiefer Schwermuth neigen. Nicht minder sicher ist es, daß in ihren Schriften strenge, bis zu verletzender Kränkung schroffe Tadler, dennoch nicht selten im Grunde das Weichste und mildeste Gemüth besitzen. Ich möchte glauben, daß Juvenal zu den Naturen gehörte, die hinter einer schroffen Außenseite ein tief empfindendes Herz verbergen und die leidenschaftliche Empörung, mit der sie dem Schlechten und Gemeinen entgegentreten, mehr aus einer großen und edlen Regung der Seele, als aus andauernder persönlicher Erbitterung schöpfen, mag diese auch den ersten Anlaß gegeben haben. Wenn Juvenal nach überstandenem Leid zurückblickt auf die erlittene Kränkung und Zurücksetzung, so gestaltet sich ihm zwar das Selbsterlebte von Neuem zur fühlbaren Wirklichkeit; aber zu ihrer kunstvollen Wiedergabe gehört Ruhe und Ergebung. In den ersten Gedichten bricht die Empörung noch ungebändigt hervor; sie erinnern damit in mancher Beziehung an Thomas Carlhle's frühere Schriften. Aber mit dem Erfolg, den die Dichtung erzielte, schwindet langsam die Erbitterung, und an ihre Stelle tritt eine beruhigtere Stimmung, in der nur zuweilen noch die alte Leidenschaft zuckt.

Schon Lucilius hatte die Satiren, die er mit fast improvisatorifcher Schnellig­keit, und ohne auf die Ausfeilung der Form viel zu geben, nach und nach schrieb, zu dreißig Büchern zusammengefaßt, von denen die einzelnen meist Gedichte ähn­lichen Inhalts enthielten. Horaz, der der Gattung weises Maß und künst­lerische Beschränkung verlieh, hat seine nach und nach entstandenen acht­zehn Satiren mit beabsichtigter Abwechselung zu nur zwei Büchern, nach der Zeit ihrer Entstehung, zusammengefaßt. Ihm folgte zu Nero's Zeit Persius in engster Abhängigkeit. Es ist nicht einmal sicher, daß Juvenal die nach einander entstandenen sechzehn Satiren verschiedenen Umfangs, die wir von ihm besitzen und die sein Lebenswerk bilden, selbst schon aus fünf Bücher vertheilt heraus­gegeben hat. Dem Vorbild des Lucilius entnimmt er wenigstens für die eine große Satire über die Frauen, welche sein zweites Buch allein füllt, die lose Verknüpfung der den einen Gegenstand behandelnden Bilder und Ausführungen. In den übrigen vier Büchern sind nach horazischem Vorbild in ungefähr der­selben Zeit entstandene Gedichte ohne Rücksicht auf ihren Inhalt oder mit ab­sichtlichem Wechsel vereinigt. Ueberall aber verläßt Juvenal, seinem anders an­gelegten Talente folgend, die bei Lucilius kunstlos, aber kraftvoll dahinfließende, bei Horaz mit bewußter Kunst dem Gesprächston genäherte Redeweise, und ver­leiht seinen Versen nach dem Vorbild Vergil's epischen Glanz und wuchtige Fülle. In der Behandlung der Form, in Sprache und Versmaß, zeigt er die größte Vollendung; dafür kam ihm die zu anderen Zwecken spät wieder vorgenommene und eifrig betriebene Beschäftigung mit der kunstmäßigen Beredsamkeit zu statten. In den späteren Gedichten verbindet er mit der kecken Frische der Satire, die schon seine Vorgänger auszeichnet, den ruhig getragenen Ton, den Horaz dem