Juvmal, der römische Satiriker.
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Werke seines reiferen Alters, den der Satire nahe verwandten, aber doch von ihnen verschiedenen philosophischen Briefen, so meisterhaft zu verleihen verstanden hat.
Es ist schwer, von dem Reichthum der Erfindung und der Mannigfaltigkeit des Inhalts der Satiren Juvenal's eine annähernde Vorstellung zu geben. Was auch immer die Menschen treiben, ihre Wünsche und Gebete, ihre Furcht und ihr Zorn, ihre Gelüste und Freuden, ihr Rennen und Jagen, alles das trägt dies Büchlein im Sack! Gleich das erste Gedicht nimmt seinen Stoff mitten aus dem Leben und enthält ein Programm: zur Rache an den unerträglichen öffentlichen Vorträgen der schlechten Dichter, die nicht müde werden, die abgedroschenen Stoffe des Epos, des Dramas, der Elegie breit zu treten, will der Dichter seinen Zeitgenossen ihre eigenen Thorheiten und Laster, ihre Leidenschaften und Nichtigkeiten, ihr ganzes tägliches Leben im Spiegel Vorhalten. Wer mit ansieht, wie das Laster triumphirt und die Rechtschaffenheit zwar gelobt wird, aber hungert und friert, der muß Satiren schreiben, auch wenn er kein Dichter ist, denn „wo die Natur es versagt, da gibt Empörung den Vers ein". Die folgenden Satiren führen dies Thema aus. Bis an das äußerste Ende der Welt möchte man fliehen, wenn man Tugendlehren aus dem Munde Solcher hören muß, die hinter heuchlerischem Schein die schimpflichsten Laster verbergen. Denn fast alle thun das Gegentheil von dem, was sie sagen; am meisten aber in den vornehmsten Geschlechtern ist der Glanz alter Römertngend und Strenge schimpflicher Verweichlichung gewichen. Recht thut daher ein Freund des Dichters, der Rom verlassen und sich nach dem stillen Cnmae zurückziehen will. Denn es gibt kaum noch Römer in Rom, so wimmelt es da von seilen Griechen, Syrern, Juden und zahllosen anderen Nationen, wo elendeste Günstlingswirthschast herrscht, wo man vor Lärm und Gefahren nicht ruhig schlafen kann, und wo besonders der Arme schlimm daran ist. In der Klage über den Zeitgeist, in dem Eifern gegen die Großstadt ist Manches, was heute geschrieben sein könnte. Schon in den ersten drei Satiren ist es das Rom der neronischen und domitianischen Zeit, wie er es als Knabe und Jüngling gesehen, das er schildert. Und er schildert es in einer Fülle von dem Leben abgelauschten Bildern. Man sieht und hört den Karren mit der Last carrarischer Marmorblöcke, unter der die plumpen Räder ächzen, wie er sich durch die engen und volkreichen Straßen drängt, den Vorübergehenden zu steter Lebensgefahr. In der vierten Satire, dem Glanzstück seiner ersten Schaffenszeit, gibt ihm die sinnlose Verschwendung eines reichen Emporkömmlings aus dem Ritterstande, dem es besser geglückt war, als dem Dichter, Anlaß dazu, den letzten der Flavier, den kahlköpfigen Nero, Domitian selbst in der grotesken, an Verrücktheit streifenden Rolle zu zeigen, die er in einsamer Abgeschlossenheit aus der albanischen Königsburg in seinen letzten Jahren spielte. Ein Fischer hat am Strand von Ancona einen Steinbutt von so gewaltiger Größe gefangen, daß er beschließt, um nicht auf unrechtmäßige Weise um den Besitz gebracht zu werden, ihn dem Kaiser zu schenken. Eiligst wird der Fisch unter der Gunst herbstlicher Kühle nach Albano gebracht und dem Kaiser übergeben. Der Fischer hat dazu eine Anrede einstudirt, die einem Epigramm des Martial Ehre machen würde: „Solcher Fisch war nur für Dich bestimmt, nicht für andere Sterbliche; iß ihn, der für Dein Jahrhundert ausbewahrt wurde;
Deutsche Rundschau. XVII, 9. 26