Heft 
(1891) 67
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Deutsche Rundschau.

er wollte sich für Dich fangen lassen." Aber es findet sich in der kaiserlichen Küche keine Schüssel, groß genug, um ihn daraus anzurichten. Das ist eine Schwierigkeit, zu deren Lösung eiligst, denn der Fisch wartet nicht, der Staats­rath berufen werden muß, wie wenn es sich um einen Krieg mit den Chatten oder Sngambern, unseren Vorfahren, handelte. So kommen sie, die vornehmsten Würdenträger aus dem Senatoren- und Ritterstand, die den Rath des Kaisers bilden, mit vor ehrfurchtsvoller Ergebenheit sich überstürzender Eile aus der Stadt nach Albano hinaus, Pegasus der Stadtpräfect, ein berühmter Jurist, der lustige Greis Vibius Crispus, Acilius Glabrio, ein Mann von ältestem Adel, Rubrius Gallus, dem das schlechteste Gewissen nicht die freche Sicherheit des Auftretens zu rauben vermag, der dickbäuchige Schlemmer Montanus, der beim ersten Biß unterscheidet, ob die Austern italische oder englische sind, der salben­glänzende Crispinus, Fuscus der Befehlshaber der Leibgarde, Fabricius Veiento, gefürchtet als Ankläger, der blinde und verliebte Schmeichler Catullus (vielleicht ein Nachkomme des großen Dichters), der den Fisch am lautesten bewundert, nach links gewandt, während er rechts liegt; alles Bildnisse nach dem Leben. Und man entscheidet nach eingehender Berathung auf des Montanus, als des am meisten Sachverständigen, Antrag (der seiner würdig war"): zerschneiden soll man den Fisch nicht, es soll eine eigene Schüssel für ihn gemacht werden;künftig, o Caesar, müssen für solche Vorkommnisse in Deinem Haushalt sich stehend Töpfer befinden". Und wäre es nur bei solchen unschuldigen Tollheiten geblieben! fügt der Dichter hinzu. Der hier geschilderte und aus den Briefen des Plinius be­kannte Veiento hat als Statthalter von Germanien in Mainz mit seiner Gattin Attica der keltischen Gottheit Nemetona ein Weihgeschenk gestiftet, dessen Auf­schrift, eine versilberte Erztafel, das Mainzer Museum bewahrt. Die letzte Satire des ersten Buches, die fünfte, schildert nicht minder lebendig den un­würdigen Dienst der Clienten, ihre schlechte Behandlung am Tisch der Reichen, ihre erbärmliche Kriecherei, die was sie ertragen kann auch ertragen soll. In diesen Gedichten ist nichts von jugendlicher Unreife; sie strotzen von männlicher Kraft und Fülle.

Das ganze zweite Buch, in den letzten Jahren Trajan's veröffentlicht, als der Dichter ein Sechsziger war, füllt, wie gesagt, die Satire auf die Frauen und ihre Laster. An ungalanter Kritik des schönen Geschlechtes hat es seit dem alten Semonides von Amorgos und seit Euripides nicht gefehlt. Ob Juvenal besondere Gründe gehabt haben mag, den Frauen abhold zu sein, wissen wir nicht; den versöhnenden Einfluß der Frau in glücklicher Ehe hat er aus eigener Erfahrung nicht gekannt. Seine Schilderung der vornehmen römischen Frau der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart übertrifft an cynischer Deutlichkeit und erbarmungsloser Härte alle Vorgänger bei Weitem. Vergeblich hat man sich bemüht, in dem langen Gedicht bewußte Anordnung des Stoffs und absichtliches Gleichmaß der Behandlung zu entdecken oder durch allerlei kritische Mittel, Streichen, Umstellen, Aendern, hineinzubringen. Auch läßt sich darüber streiten, ob wirklich zu allen diesen Schilderungen bestimmte Modelle gesessen, oder ob der Dichter aus allen Ecken und Winkeln hauptstädtischer Scandalgeschichten die Züge zusammen­gesucht hat, mit denen er die Frauen ausstattet. Es wird Wohl Beides statt-