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Juvmal, der römische Satiriker- 403
gefunden haben: die abergläubische, die gelehrte, die eigensinnige, die auf die Schauspiele und die Schauspieler versessene Frau sind offenbar nach dem Leben gezeichnet. Für die schlimmsten Ausschreitungen der höchsten Kreise folgt der Dichter der Ueberlieserung, der auch Tacitus Glauben schenkte, und stattet sie mit allen Farben glänzender Rhetorik aus. Ein Wort wie das berühmte „Das Will ich, so befehle ich es; als Grund genügt, daß ich es will" mag oft genug gefallen sein. Und daß im Proceß der Richter zuerst nach der Frau, die dahinter steckt, fragen solle, würde seine Geltung nicht bis heute bewahrt haben, wenn es nicht auf sicherster Erfahrung beruhte.
Mit diesen früheren Werken des wenn auch keineswegs jugendlichen Dichters ist der Höhepunkt seiner Leidenschaft und seiner Erbitterung erreicht. Er nimmt im dritten Buch einen neuen Anlauf zur Schilderung der Dichtung und der gelehrten Berufsarten, der Sachwalter, der Rhetoren, der Geschichtschreiber; aber nicht, wie in der ersten Satire, im Ton heftigster Empörung, sondern mit milder Ironie. Wenn er in der siebenten Satire, einer der schönsten, die er geschrieben, von dem gewaltigen Dichter, „den ich Euch nicht zeigen kann, den ich nur fühle; der eine Ader echten Erzes besitzt, aus der er sein Lied wie Münzen von edlem Metall herausschlägt", wenn er von ihm meint, ihn mache der nicht von ängstlichen Sorgen bedrückte Geist und die Sehnsucht nach Waldlust geschickt, aus dem Quell der Musen zu trinken, so muß er selbst von diesem Gefühl der Freiheit etwas in sich gehabt haben. In diesem Gedichte spricht er mit Ausdrücken der höchsten Anerkennung von seinen Zeitgenossen, dem Statius, der Rom mit seinen süßen Versen in Entzücken versetze, dem Quintilian, dem vom Glück begünstigten Redner. Und voller Humor, der noch heute Geltung hat, ist die Schilderung der überfleißigen Schulmeister, die unermüdlich ihren Kohl wieder aufwärmen und nur mechanisches Wissen einzupauken verstehen. Auch in der achten Satire, die den echten Adel der Geburt und der Gesinnung den in Rom nur zu häufigen Zerrbildern heruntergekommener Verworfenheit gegenüberstellt (wo z. B. der zum Statthalter ernannte sportliebende Aristokrat aus der Kutscherschänke geholt wird, um sein Amt anzutreten), enthält Züge freudiger Anerkennung für wahres Verdienst. Gern rühmt sich der Dichter seiner sabinischen Stammesgenossen aus Arpinum, schließt aber mit dem echt bürgerlichen Spruch: „Besser, Du bist der Sohn des Thersites, wenn Du nur selbst dem Aeakiden ähnlich, als daß Achill Dein Vater, Du selbst aber ein Thersites bist; denn sieh' nur nach, Du, der sich vom ältesten Adel wähnt, der älteste unter Deinen Ahnen war gewiß ein Schafhirt oder ein Räuber." In diesem Gedicht findet sich das Bild von dem edlen Roß, das schließlich herunterkommt, und der Spruch: „Willst Du, daß wir Dich selbst bewundern und nicht Deine äußeren Vorzüge, so gib uns auch etwas Dir wirklich Eigenes." Die neunte Satire behandelt mit einem gewissen Galgenhumor eine Seite des antiken Lebens, für die uns jedes Verständniß fehlt. In ihr findet sich das erste, unzweideutige Zeugniß dafür, daß der Dichter des Lebens Höhe geraume Zeit überschritten hatte; „während wir uns noch Wein und Kränze wünschen und duftende Salben und blühende Mädchen, ist, ehe wir es merken, schon das Greisenalter da."