Heft 
(1891) 67
Seite
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Deutsche Rundschau.

Aber während die Jahre schwinden und der zornige Muth sich besänftigt, ist die Herrschaft über Wort und Vers noch im Wachsen. Schon die Gedichte des dritten Buches zeigen einen bemerkenswerthen Fortschritt gegen die früheren, im Einzelnen übermäßig ausgefeilten, in der Einfachheit der Behandlung, der Klarheit der Anordnung und der Durchsichtigkeit der Sprache. Die des vierten Buchs, in der zweiten Halste von Hadrian's Regierung geschrieben, als der Dichter den Siebzigen nahe war, erinnern wie in der Form sie sind meistens an bestimmte Personen gerichtete Briefe, so auch in dem Ton ruhiger Be­trachtung an die Briefe des Horaz, im Gegensatz zu dessen Satiren. Die zehnte Satire, die sich an den weiten Kreis wohlwollender Hörer und Leser des Dichters wendet, das zweitlängste aller seiner Gedichte, athmet die Entsagung des Alters. Was soll man von den Göttern erflehen? Nicht um äußere Güter und Glück soll der Mensch bitten, wie er im Nebel des Jrrthums thut, nicht um Reichthum und Ehre oder Rednerruhm, noch um Schönheit und hohes Alter, sondern still in den Willen der Götter sich ergeben. Sie wissen es am besten mit uns zu machen; sollen wir aber um etwas bitten, so sei esder gesunde Sinn im gesunden Leib", Willensstärke und Verachtung der Todesfurcht, Gleich- muth und Begierdelosigkeit. Die Thränen Heraklit's und Demokrit's Lachen würde das Treiben der heutigen Menschheit erregen, ihr Ehrgeiz und ihre Pracht­liebe, die so jäh zu Fall kommen, wie einst der große und gefürchtete Sejan unter Tiberius. Was die Menschen auf dem Markt unter einander gesprochen, als Sejan zum Tode geführt wurde, klingt, als hätte es der Knabe erzählen hören. Der schöne Silius, den des einfältigen Kaisers Claudius Gemahlin Messalina zu förmlicher Nebenehe zwingen will, geht um seiner Schönheit willen in den sicheren Tod; sein blendend weißer Nacken wird von dem Schwert des Henkers getroffen. Es geht dem Dichter wie dem Schneider Jetter, der, wenn er einen schönen langen Hals sah, gleich denken mußte,der ist gut köpfen". Wer, selbst ein Greis, die Gebrechen des Greisenalters mit so lebendiger Wahr­heit schildert, wie Juvenal in diesem Gedichte, der muß, so möchte ich glauben, eines frohen und kräftigen Alters sich erfreut haben,ein gesunder Geist im ge­sunden Körper". Dieser Geist hat dem Dichter in hohen Jahren zu diesem, einem seiner schönsten Werke die Kraft gegeben. In der elften Epistel bittet er einen Freund von vornehmster Geburt, der die Namen der Besieger des Hannibal und des Perseus trug, den Paullus Fabius Maximus Persicus, zum einfachen Nachtmahl nach alter heimischer Art, die er preist gegenüber der maß­losen Genußsucht der Reichsten, der es auch die minder Reichen gleichzuthun suchen; damals wie heute.Auch den Genuß empfiehlt nur der seltnere Ge­brauch". Die zwölfte Epistel erzählt in behaglicher Breite einem anderen vornehmen Freund, dem Corvinus, wie er, der Dichter, die glückliche Heimkehr und Errettung aus Schiffbruch eines wohlhabenden Genossen, des Catullus, mit frohem Dankesopser gefeiert habe, beruhigt ihn aber zugleich in heiterer Weise darüber, daß er das nicht etwa, wie es üblich, aus eigennütziger Absicht gethan habe, nämlich aus Erbschleicherei; denn Catull habe drei Leibeserben. Die dreizehnte Epistel tröstet einen anderen Freund, den Calvinus, dem ein dar­geliehenes Capital verloren gegangen war, in einfach beredter Weise: er solle