Juvenal, der römische Satiriker.
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verschmerzen, was nicht zu ersetzen sei, und sich freuen, nicht wie jener, der das Darlehn ableugne, ein böses Gewissen zu haben. Denn ein gutes Gewissen sei besser als Aberglaube und Philosophie, die den Frevler nicht zu retten vermöchten vor den Qualen der inneren Angst, und ihn nicht davor schützten, endlich der gerechten Strafe zu verfallen. Ueberall wird so der einzelne Fall auf die Höhe einer allgemeinen Betrachtung gehoben, die zu Lehren der Lebensweisheit Anlaß gibt. Dies Buch der Episteln bezeichnet trotz eines hin und wieder bemerklichen Nachlassens der dichterischen Kraft doch im Ganzen den Höhepunkt von Juvenal's Kunst.
Die drei Satiren des letzten Buches endlich sind, wie so häufig im Alterthum geschehen ist, an den Schluß der Sammlung gestellte Paralipomena aus verschiedener Zeit, theilweise Wohl schon früher geschrieben, meist auf Erfahrungen des früheren Lebens beruhend. Noch am meisten im Stil des vierten Buchs ist die erste des fünften, die vierzehnte Satire, der Brief an den Fuscinus, des Dichters Schwager, über Kindererziehung und elterliches Beispiel. Er enthält den berühmten Spruch, daß dem Knaben gegenüber die größte Scheu Pflicht sei. Wenn Gäste kommen, wird das ganze Haus gescheuert und geputzt, tein Stäubchen darf zu sehen sein; aber was Du dem Kinde täglich zeigst, ist Dir gleichgültig. Es folgen treffliche, der Lebenserfahrung, nicht der Bücherweisheit entlehnte Rathschläge: nicht das sollst Du den Sohn lehren, wie er Reichthum zusammenscharren könne, auf gute oder schlechte Art, sondern wie er ein trefflicher Bürger, nützlich dem Vaterland im Krieg und im Frieden, und ein guter Hauswirth werde. In der fünfzehnten Satire tischt der redselige Greis einem bewundernden Freund, dem Volusius Bithynicus, allerlei Jugenderinnerungen seines ägyptischen Aufenthaltes auf, über die sonderbaren Sitten des Volkes und seinen Aberglauben, und knüpft daran die Erzählung eines jüngst, im Jahre 127 n. Ehr., dort vorgefallenen Ereignisses. Zwei Nachbargemeinden, die in alter Feindschaft leben, gerathen bei einem ihrer Götterfefle in Streit. In dem Handgemenge stürzt ein einzelner Mann von den Fliehenden zu Boden und wird von der Schar der siegreichen Verfolger buchstäblich in Stücke zerrissen; aus reiner Mordlust zerfleischen sie ihn und trinken sein Blut. So tief kann die Menschheit sinken! Das letzte, sechzehnte, Gedicht ist, in Folge der Verstümmelung des Urexemplars. ein Fragment. Es schildert in einem Brief an den Gallius die Licht- und Schattenseiten des Heeresdienstes, die der Dichter, wie wir sahen, in frühen Jahren so gründlich kennen gelernt hatte; vielleicht um einen jungen Mann davor zu warnen, sich diesem Beruf mit seiner zweifelhaften Zukunft zu widmen. Die sechzig erhaltenen Verse, vielleicht nur etwa die Hälfte des ganzen Gedichtes, lassen erkennen, daß er auch hier ernste und tüchtige Gesinnung mit frischer Ironie zu verbinden gewußt hat.
Soweit etwa läßt sich von den Gedichten Juvenal's ohne eingehendere Entwicklung ein ungefährer Begriff geben. Aber kein Begriff läßt sich geben von dem, was dem römischen Dichter dieser Zeit und dieser Art erst den bezeichnenden Stempel aufdrückt. Das ist die Kunst und Anmuth der Sprache, der vollendete Rhythmus der Verse, die tönenden Worte. Sie vermag nur der recht zu empfinden und zu würdigen, der den bestrickenden Klang der modernen romanischen Sprachen,