Die Berliner Theater.
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Leeren eines Glases Champagner — sie haben Kusofkin und dem Nachbar eingeredet, daß er seinen Proceß gewonnen habe — macht dem Leben des Armen und der peinlichen Situation ein Ende. Von einer dramatischen Bewegung und Entwickelung ist keine Spur, eine Novelle ist in die dramatische Form umgewandelt. Besser als die Neuigkeiten, die das Lessing-Theater brachte, gefielen dem Publicum einige ältere Arbeiten, die es wieder aufsrischte, so vor den andern Oscar Blumenthal's Lustspiel „Der Probe- Pfeil", das am Dienstag, den 24. Februar, zum ersten Male ausgeführt wurde und wie im Deutschen urid im Berliner Theater auch hier seine Anziehungskraft bewährte : in Fabel und Charakteristik, in Witz und Anmuth gehört es zu den gefälligsten Schöpfungen der komischen Muse in dem letzten Jahrzehnt.
Das Deutsche Theater hat seinen Haupttreffer in einem Lustspiel in vier Auszügen von Ernst von Wolzogen und William Schumann „Die Kinder der Excellenz" gesunden, merkwürdiger Weise dem einzigen deutschen Lustspiel, das diese Theatersaison gezeitigt. Unter all den traurigen Darstellungen des Verbrechens und der Nervenkrankheiten, des Zuchthauses und des grauen Elends, mit denen wir gepeinigt wurden, die einzige, die den Ernst des Lebens durch die Sonnenlichter des Humors verklärte. Denn der Untergrund des Lustspiels ist ebenfalls ein dunkler, es ist doch, als ob die Dichter das fröhliche Lachen in die lustige Welt hinein und die Thorheit, die ihre Sache aus Nichts gestellt hat, gänzlich verlernt hätten. Die Generalswittwe Mathilde von Lersen lebt mit ihren beiden Töchtern und ihrem Sohn Bodo in beständiger Sorge. Der Titel Excellenz deckt eine verschämte Armuth, die schließlich in die Gefahr geräth, das Gut eines Andern anzutasten. Der Sohn, ein schneidiger, verschwenderischer Lieutenant, macht sich kein Gewissen daraus, Schulden aus Schulden zu häufen, während seine Schwestern für ihn arbeiten, die eine als Aschenbrödel, die andere als Schriftstellerin; er rechnet mit der Summe, die seine Mutter als Depot auf der Bank liegen hat. Bald genug ist er denn auch durch seinen Leichtsinn dahin gebracht, da alle anderen Anskunstsmittel nicht mehr verfangen und der alte Onkel, ein Major von Muzell, nicht mehr für ihn einspringen will, seine Mutter um einen Theil dieser Summe zu bitten. Es sind Ehrenschulden, die er zu bezahlen hat, er muß den Dienst quittiren, wenn er sie nicht deckt. In ihrer Verzweiflung und ihrer blinden Liebe, um den Sohn zu retten, ist die Mutter bereit, das Depot anzutasten: denn es ist nicht ihr, nicht ihrer Kinder Vermögen, sondern das Geld, das ihr Mann von einem Freunde vor Jahren entliehen und ihm nicht hat zurückzahlen können; der Freund ist in Amerika verschollen, aber der General hat sterbend seiner Frau das Versprechen abgenommen, seinem Sohne sein rechtmäßiges Erbe auszuliefern. Natürlich gleicht sich Alles durch die Güte des Onkels, der nur den Bärbeißigen gespielt hat, um endlich Bodo's Leichtsinn zur Einkehr und Umkehr und die thörichte Vorliebe der Mutter für diesen Sohn zur Besinnung zu zwingen, und die Dazwischenkunft des Zufalls aus. Der Sohn jenes Freundes ist nämlich unter anderem Namen nach Deutschland znrückgekommen und hat sich in die eine Tochter, die geistreiche Schriftstellerin, verliebt, während das Aschenbrödel an dem Sohne des Hausbesitzers, bei dem die arme Excellenz drei Treppen hoch wohnt, ihr lustiges Herz verloren hat; der flotte Lieutenant wird, damit wir für die Zukunft ohne Sorgen sein können, nach Ostasrika geschickt. Man merkt an der verschlungenen Fabel und der einen und der andern Episode den Ursprung des Stücks aus einem Roman Wolzogen's; aber die Umgestaltung ist mit großem Geschick und theatralischem Verständniß geschehen. Daß die Handlung weder humoristisch noch satirisch ist, mag bei einem Lustspiel mit Recht als Mangel gelten, dafür ist es ein Vorzug, daß wir es mit komischen Charakteren und nicht mit der Jrrnngs- und Verwechselungskomik, mit vertauschten Briefen und Mißverständnissen zu thun haben. Frisch aus der unmittelbaren Wirklichkeit gegriffen, geben sich die Figuren schlicht und einfach, die Frauen sind an individuellen Zügen nicht reich, desto lebendiger erscheinen der alte Major, der liebenswürdige, leichtsinnige Offizier, der Deutsch-Amerikaner mit seinem noch hier und da an die Urwüchsigkeit erinnernden Betragen. Besitzt das Lustspiel auch keinen