Die Berliner Theater.
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Halbheit seiner Empfindungen ist sein Unglück. Anna ihrerseits erscheint ansänglich thatkrästig, klar und zielbewußt, allein die Gefühlsduselei bemächtigt sich zuletzt auch ihrer Seele. Um ein wirkliches Liebesverhältniß mit dem verheirateten Manne an- zusangen, mit ihm zu fliehen und alle Fesseln zu brechen, ist sie zu zaghast und zu moralisch im alten Sinne; um bei Zeiten das Haus zu verlassen, in dem ihre Anwesenheit Unheil anrichtet, ist sie zu seig und zu nachgiebig gegen das Gelüst ihres Herzens. Dies alles ist sein beobachtet und in seinen Schwingungen und Wandlungen, seinen Uebergängen und Steigerungen mit großer Kunst geschildert; aber der sür das Drama notwendige Ausbruch der Leidenschaft will sich nicht einstellen, aus dem zureichenden Grunde, daß der Dichter sie nicht besitzt. Selbst der Selbstmord des Helden entspringt mehr aus Schwäche und kindischem Trotz, als aus bewußtem Willen. Die altmodischen Leute behalten Recht, weil sie in ihrem Glauben eine Kraft besitzen, die der Gesühlsschwärmerei der beiden jungen abgeht. Für die dramatische Zukunst des Dichters wird es sich darum handeln, daß er aus der einsachen Schilderung und Charakteristik zu einer wirksamen Fabel gelangt; gelingt ihm diese Erfindung nicht, so wird er mit all? seinen sorgfältigen Charakterstudien und seinen bis in die kleinste Einzelheit photographisch getreuen Interieurs im Grunde außerhalb des Theaters bleiben.
Marco Praga^s Schauspiel „Ehrbare Mädchen" — der italienische Titel lla varKiul ist ungleich bezeichnender — gehört zu jenen Sittenbildern, die nicht in Mailand, sondern überall spielen. Eine Wittwe mit drei Töchtern, in unsicheren Vermögensverhältnissen, hält ein offenes Haus, um ihre Töchter so rasch wie möglich zu verheirathen. Jeder Mann, der etwas Geld hat, ist willkommen. Man kann den Mädchen nicht nachsagen, daß sie Liebschaften haben oder gar ihre Gunst verkaufen, aber sie begegnen allen Männern mit einer Zwanglosigkeit, die nicht sür schicklich gilt, und machen aus ihrer Jagd nach einer vortheilhasten Heirath kein Hehl. Die eine kokettirt mit einem alten, brüchigen Marchese, die andere mit einem munteren Lebemanns, der ihr die Wege ebnen und die Kostüme schenken soll, um als Operettensängerin austreten zu können, die dritte, die sensitive, fühlt sich unglücklich in diesem Treiben, dem Leichtsinn der Schwestern, der Würdelosigkeit der Mutter gegenüber. Ein junger Mann sieht sie, verliebt sich in sie, wird wieder geliebt und wirbt um sie, trotz der Abmahnungm seiner Freunde. Lange weigert sich Paolina, Dario^s Werbung nachzugeben; endlich von der eigenen Leidenschaft überwältigt, willigt sie ein, seine Gattin zu werden. Aber je näher der Hochzeitstag rückt, desto tiefer versinkt sie in Unruhe und Schwermuth, endlich saßt sie sich ein Herz und gesteht ihrem Verlobten, daß sie seiner unwürdig sei; ein Freund der Familie, der sich ihrer nach dem Tode des Vaters angenommen, hat sie verführt. Daher ihre Zurückgezogenheit, ihre Traurigkeit. Dario ist Philister genug, unter diesen Umständen seine Absicht auszugeben, Paolina zu heirathen, und zugleich so erbärmlich, ihr vorzuschlagen, als seine Geliebte mit ihm in die Fremde zu gehen. Entlüftet weist Paolina, die trrtz ihres Falles die seelisch reinste und verständigste der drei Schwestern ist, diesen Antrag zurück, und die Liebenden trennen sich. Das Stück hat weder einen rechten Anfang noch einen rechten Schluß. Welche Zufälle,- fragen wir uns, welche Leidenschaften konnten ein so sittsames, so kaltes und ernstes Mädchen, wie Prags uns Paolina schildert, in die Verschuldung stürzen, welche Verführungskünste dieser Vercellini gegen sie anwenden? Und wird er nichts thun, ihre Ehre vor der Welt wieder herzustellen? Wird die Arme, die aus Jugend und Liebe fehlte, ihren Jrrthum immer büßen müssen, während die leichtfertigen Schwestern lustig ihr Leben genießen? Da der Dichter darauf keine Antwort gibt, erzielt er auch keine Wirkung. Aus der Bühne müssen die Räthsel, die gestellt werden, auch ihre Lösung finden. Immerhin machte uns die Vorführung des Stückes mit einem jungen italienischen Theaterschriftsteller bekannt, dem seine Landsleute eine glänzende Zukunft verheißen; zunächst freilich steckt er noch ganz in französischen Schuhen; Fabel, Figuren und Form sind nach dem Muster des jüngeren Dumas zugeschnitten. — Gleichfalls ein Schablonenstück, zum größten Theil aus Erinnerungen zusammengesetzt, ist Felix Philip pi^s Schau-