466
Deutsche Rundschau.
Von der Regierung acceptirte Tagesordnung, die jedoch nicht als ein wirkliches Vertrauensvotum angesehen werden kann, da des Ministeriums selbst mit keinem Worte Erwähnung geschieht. Vielmehr erklärt die Majorität, durch das Unglück von Fourmies tief bewegt zu sein, sowie in ihrer patriotischen Fürsorge und in ihren innigen Sympathien die Arbeiter Frankreichs und die nationale Armee zu vereinigen. Zugleich erklärt die Kammer ihren festen Willen, auf friedlichem Wege die socialen Reformen zu Stande zu bringen. Bezeichnend ist, daß eine nicht unbeträchtliche Minorität von 172 Abgeordneten für die Einsetzung eines besonderen Untersuchungsausschusses stimmte. Der Unterschied zwischen diesem Votum und dem Vertrauensvotum, welches jüngst der italienischen Regierung ertheilt wurde, springt in die Augen. Offenkundig erfreut sich die französische Armee im Parlamente nicht desselben zuversichtlichen Vertrauens wie die italienische, deren Verhalten bei Gelegenheit der jüngsten Ausschreitungen allgemeine Billigung fand. Nicht minder charakteristisch ist, daß die Abgeordneten des Arrondissements Avesnes, in welchem Fourmies gelegen ist, unverzüglich einen inzwischen abgelehnten Antrag auf Amnestie für alle Verurtheilungen wegen der Vorgänge eingebracht haben, die sich daselbst am 1. Mai abspielten. Ebenso hat der Pariser Gemeinderath bereits 10 000 Francs für die Familien der Opfer von Fourmies bewilligt und eine Resolution zu Gunsten einer den Familienangehörigen der Getödteten zu gewährenden Pension genehmigt, während die Kinder, insofern die „Opfer" solche hinterlaffen haben, auf Staatskosten erhalten werden sollen.
Obgleich die jüngsten focialistischen und anarchistischen Ruhestörungen in Italien, Frankreich und Belgien, abgesehen von ihrem Zusammentreffen an den kritischen Maitagen, keinen bestimmten Zusammenhang aufweisen , ist es doch um so mehr geboten, sie als Gesammterscheinung ins Auge zu fassen, weil die Arbeiter selbst, wie der internationale Bergarbeitercongreß in Paris gezeigt hat, immer mehr die Solidarität der Socialdemokratie in allen Ländern betonen. In Rußland wird nach den Anerbietungen, die unablässig von französischer Seite gemacht werden, um das russischfranzösische Bündniß zu Stande zu bringen, nicht geringe Ueberraschung geherrscht haben, als die Meldungen über die in Paris vollzogene Verbrüderung zwischen den französischen und deutschen Grubenarbeitern eintrafen. Diese Thatsache wird den Zar belehrt haben, wie nur die revolutionären Elemente in Rußland gestärkt werden würden, falls die Allianz mit der französischen Republik gefördert wird, in der die radicalen und ultraradicalen Elemente schließlich so sehr das UeLergewicht erlangen werden, daß jetzt bereits trotz allen Revanchegelüsten die französischen Grubenarbeiter mit den deutschen offen fraternisiren.
Für die Solidarität der Socialdemokratie aller Länder bezeichnend ist auch der Ausbruch des Strike in Belgien. Obgleich die Grubenarbeiter in Paris in Bezug auf diese Solidarität keineswegs eine endgültig bindende Resolution gefaßt haben, erklärten die belgischen Genossen doch den Ausstand, als die Delegirten der rheinischwestfälischen Grubenarbeiter diesen beschlossen hatten. Auch als sich nachher zeigte, daß die weit überwiegende Mehrzahl der rheinisch-westfälischen Grubenarbeiter nicht gewillt war, den eigenen Delegirten Heeresfolge zu leisten, hielten die Belgier an ihrem Beschlüsse fest. Hervorgehoben zu werden verdient, daß im Gegensätze zu den deutschen Grubenarbeitern, die sich ihren eigenen Führern nicht anschloffen, die belgischen an dem Ausstande festhielten, obgleich ihre Chefs zunächst von diesem abriethen. Insbesondere war es das leitende Organ „Oe keuxle", welches die belgischen Grubenarbeiter warnte, sich in diesem Sinne vorzuwagen. Das Blatt betonte anfangs insbesondere, daß das von den Arbeitern geplante Revisionswerk der Verfassung Schiffbruch leiden könnte, falls die Regierung in der Lage wäre, auf socialistische Ausschreitungen hinzuweisen, um die Unreife der Arbeiter für das allgemeine Stimmrecht zu erhärten.
Während die belgischen Grubenarbeiter die Frage des Normalarbeitstages mit derjenigen der Einführung des allgemeinen Stimmrechts in seltsamer Weise verquicken, beabsichtigt das klerikale Ministerium, die sich immer mehr als unumgänglich nothwendig erweisende Verfassungsrevision so zu gestalten, daß die ultramontanen Interessen nicht