Eduard Mörike.
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20. An Friedrich Kaufs mann.
Köngen im November 1827.
Ai ein lieber Kauffmann !
Es ist, indem ich dieses schreibe, schon spät in der Nacht; ich kann aber nicht
ins Bett, eh' ich wenigstens diesem Papier gesagt habe, wie sehr mich Dein ganz
unerwarteter Brief heute erleichtert und erquickt hat. Ich sage Dir, Du hast mich von einer Angst erlöst, die bei Gott alle die sieben Zungen widerlegen könnte, welche mich des Leichtsinns gegen meine Freunde beschuldigen, und zwar rührte sie keineswegs von einem bösen Gewissen her, mich peinigte nur der Gedanke, daß Du mir unrecht thuest und im Stillen gekränkt seiest. Als Document, daß ich mir die Sache ernstlich zu Herzen nahm, leg' ich den Anfang eines für Dich bestimmten Schreibens bei, das erst von gestern ist. Ich brauche nun nichts mehr über das bewußte imnetum ciuoreiao zu schwätzen, denn zum Glück nimmst Du's auch nicht
so, hast mich noch lieb und um so lieber, wenn ich nun demnächst an Deiner
Stubenthür rausche. Ja, Du sollst mich in Ludwigsburg haben, ich will Dich mit Rudolf und Marie dort haben. Schade, daß nicht Herbst mehr in den Alleen ist, aber im Ochsen kann man sich alles einbilden.
Für jetzt genug. Es schlägt bald zwölf Uhr. Die kleine Glocke aus der Kirche (wenige Schritte vor mir) ist eingeschnieen H und hat einen Klang wie Blei. Ich machte vorhin ein paar Töne auf der Maultrommel, dabei fiel mir ein alter Vers von mir ein, für den ich immer eine besondere Liebe habe. Er muß her:
Mitternacht.
Gelassen stieg die Nacht ans Land u. s. w?)
Gut Nacht, Kauffmann! — Grüße den Rsudols) und Msaries!
Dein treuer Eduard.
21. An Mährten.
Kirchheim, den 29. November 1827.
Wo meinst Du, daß Dein Freund diese Worte schreibt? — In Kirchheim. — Und was Hab' ich hier zu thun? — Seiner Hochwürdenzwei Exhibita zu überbringen: eines, worin mein guter Herr Pfarrer um einen neuen Vicar anhält, und eines, worin ich ein von Director Süskind vorläufig privatim schon concedirtes Gesuch um temporäre Dispensation von aller Vicariatsknechtschast an das Konsistorium richte. Es ist so gut als entschieden, daß ich noch vor den Christseiertagen entlassen werde. Die Sache wurde nämlich zuletzt bloß vom medicinischen Standpunkt aus betrieben, und zwar nicht so ganz saus tonte ean86, wie Du denkst. Nun, ich habe im Grund nichts anders erreicht, als was Du schon Monate lang bis zunl Ueberdrnß hast — eine brave Vacanz.
Was ich nun in dieser Zeit thun will, ist, einiges fürs Morgenblatt und vielleicht sonst noch was zu schreiben, um mich Deinem Patron, dem Cotta, zu empfehlen. Hör! es muß, muß noch was draus werden, daß wir aus Ein Schiff zusammen kommen.
In 14 Tagen wenigstens sprechen wir uns Ang' in Auge darüber. Entweder komm' ich von Scheer aus nach Ulm zu Dir, oder Du mußt Dich von mir aus einen in medio gelegenen Ort bestellen lassen.
Leb Wohl! Dein treuer Möricke.
Wenn wir's machen könnten, daß wir mit einander einen Besuch in Ernsbach machten!
1) Schwäbisch für „eingeschneit".
2) Gedichte, S. 134.
3) Dem Decan in Kirchheim.