Heft 
(1894) 82
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Deutsche Rundschau.

die Plantage, und sie saß inr Schaukelstuhl und wiegte sich; und nun trat Crampas an sie heran, um sie zu begrüßen, und dann kam Roswitha mit dem Kinde, und sie nahm es und hob es hoch in die Höhe und küßte es.

Das war der erste Tag; da sing es an." Und während sie dem nach­hing, verließ sie das Zimmer, drin die Beiden schliefen, und setzte sich wieder an das offene Fenster und sah in die stille Nacht hinaus.

Ich kann es nicht los werden," sagte sie.Und was das Schlimmste ist und mich ganz irre macht an mir selbst . . ."

In diesem Augenblicke setzte die Thurmuhr drüben ein, und Esst zählte die Schläge.

Zehn . . . Und morgen um diese Stunde bin ich in Berlin. Und Wir sprechen davon, daß unser Hochzeitstag sei, und er sagt mir Liebes und Freund­liches und vielleicht Zärtliches. Und ich sitze dabei und höre es und habe die Schuld aus meiner Seele."

Und sie stützte den Kops auf ihre Hand und starrte vor sich hin und schwieg.

Und habe die Schuld auf meiner Seele," wiederholte sie.Ja, da Hab' ich sie. Aber lastet sie auch aus meiner Seele? Nein. Und das ist es, warum ich vor mir selbst erschrecke. Was da lastet, das ist etwas ganz Anderes Angst, Todesangst und die ewige Furcht: es kommt doch am Ende noch an den Tag. Und dann außer der Angst . .. Scham. Ich schäme mich. Aber wie ich nicht die rechte Reue habe, so Hab' ich auch nicht die rechte Scham. Ich schäme mich bloß von wegen dem ewigen Lug und Trug; immer war es mein Stolz, daß ich nicht lügen könne und auch nicht zu lügen brauche, lügen ist so gemein, und nun habe ich doch immer lügen müssen, vor ihm und vor aller Welt, im Großen und im Kleinen, und Rummschüttel hat es ge­merkt und hat die Achseln gezuckt, und wer Weiß was er von mir denkt, jedenfalls nicht das Beste. Ja, Angst quält mich und dazu Scham über mein Lügenspiel. Aber Scham über meine Schuld, die Hab' ich nicht oder doch nicht so recht oder doch nicht genug, und das bringt mich um, daß ich sie nicht habe. Wenn alle Weiber so sind, dann ist es schrecklich, und wenn sie nicht so sind, wie ich hoffe, dann steht es schlecht um mich, dann ist Etwas nicht in Ordnung in meiner Seele, dann fehlt mir das richtige Gefühl. Und das hat mir der alte Niemeher in seinen guten Tagen noch, als ich noch ein halbes Kind war, 'mal gesagt: auf ein richtiges Gefühl, daraus käme es an, und wenn man das habe, dann könne Einem das Schlimmste nicht passiren, und Wenn man es nicht habe, dann sei man in einer ewigen Gefahr, und das, was man den Teufel nenne, das habe dann eine sichere Macht über uns. Um Gottes Barmherzigkeit Willen, steht es so mit mir."

Und sie legte den Kops aus ihre Arme und weinte bitterlich.

Als sie sich wieder ausrichtete, war sie ruhiger geworden und sah wieder in den Garten hinaus. Alles war so still, und ein leiser, seiner Ton, wie wenn es regnete, traf von den Platanen her ihr Ohr.

So verging eine Weile. Herüber von der Dorfstraße klang ein Geplärr: der alte Nachtwächter Kulicke rief die Stunden ab, und als er zuletzt schwieg,