Heft 
(1894) 82
Seite
185
Einzelbild herunterladen

Effi Briest.

185

Jnstetten hatte diesen letzten Brief mit getheilten Empfindungen gelesen, etwas erheitert, aber doch auch ein wenig mißmuthig. Die Zwicker war keine Frau für Effi, der nun 'mal ein Zug innewohnte, sich nach links hin treiben zu lassen; er gab es aber auf, irgend was in diesem Sinne zu schreiben, einmal weil er sie nicht verstimmen wollte, mehr noch, weil er sich sagte, daß es doch zu nichts helfen würde. Dabei sah er der Rückkehr seiner Frau mit Sehnsucht entgegen und beklagte des Dienstes nicht bloßimmer gleichgestellte", sondern jetzt, wo jeder Ministerialrath fort war oder fort wollte, leider auch aus Doppelstunden gestellte Uhr.

Ja, Jnnstetten sehnte sich nach Unterbrechung von Arbeit und Einsamkeit, und verwandte Gefühle hegte man draußen in der Küche, wo Annie, wenn die Schulstunden hinter ihr lagen, ihre Zeit am liebsten verbrachte, was in­soweit ganz natürlich war, als Roswitha und Johanna nicht nur das kleine Fräulein in gleichem Maße liebten, sondern auch unter einander nach wie vor auf dem besten Fuße standen. Diese Freundschaft der beiden Mädchen war ein Lieblingsgesprächsstoff zwischen den verschiedenen Freunden des Hauses, und Landgerichtsrath Gizicki sagte dann Wohl zu Wüllersdorf:Ich sehe darin nur eine neue Bestätigung des alten Weisheitssatzes: ,Laßt fette Leute um mich sein'; Cäsar war eben ein Menschenkenner und wußte, daß Dinge, wie Behaglichkeit und Umgänglichkeit, eigentlich nur beim Embonpoint sind." Von einem solchen ließ sich denn nun bei beiden Mädchen auch wirklich sprechen, nur mit dem Unterschiede, daß das in diesem Falle nicht gut zu umgehende Fremdwort bei Roswitha schon stark eine Beschönigung, bei Johanna dagegen einfach die zutreffende Bezeichnung war. Diese Letztere durfte man nämlich nicht eigentlich corpulent nennen, sie war nur prall und drall und sah jederzeit mit einer eigenen, ihr übrigens durchaus kleidenden Siegermiene gradlinig und blauäugig über ihre Normalbüste fort. Von Hal­tung und Anstand getragen, lebte sie ganz in dem Hochgefühl, die Dienerin eines guten Hauses zu sein, wobei sie das Ueberlegenheitsbewußtsein über die halb bäuerisch gebliebene Roswitha in einem so hohen Maße hatte, daß sie, was gelegentlich vorkam, die momentan bevorzugte Stellung dieser nur be­lächelte. Diese Bevorzugung, nun ja, wenn's dann 'mal so sein sollte, war eine kleine liebenswürdige Sonderbarkeit der gnädigen Frau, die man der guten alten Roswitha mit ihrer ewigen Geschichtevon dem Vater mit der glühenden Eisenstange" schon gönnen konnte.Wenn man sich besser hält, so kann dergleichen nicht Vorkommen." Das Alles dachte sie, sprach's aber nicht aus. Es war eben ein freundliches Miteinanderleben. Was aber Wohl ganz besonders für Frieden und gutes Einvernehmen sorgte, das war der Um­stand, daß man sich, nach einem stillen Uebereinkommen, in die Behandlung und fast auch Erziehung Annie's getheilt hatte. Roswitha hatte das poetische Departement, die Märchen- und Geschichtenerzählung, Johanna dagegen das des Anstands, eine Theilung, die hüben und drüben so fest gewurzelt stand, daß Competenzconslicte kaum vorkamen, wobei der Charakter Annie's, die eine ganz entschiedene Neigung hatte, das vornehme Fräulein zu betonen, allerdings