Heft 
(1894) 82
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Deutsche Rundschau.

Caterina's. Sein Auge ruht strahlend auf seiner Gebieterin, die hinter ihrem Gatten, doch etwas tiefer als dieser, gleichfalls auf ihre Kniee niedergefunken ist. Eaterina, welche damals, als sie dies Bild zum Gedächtnisse ihres ermordeten, heiß geliebten zweiten Gatten nach dem Tode Melozzo's von Palmezzano vollenden ließ, einige dreißig Jahre zählte, zeigt sich uns ganz scharf im Profile. Aber welch ein Profil ist das! Unter einem Weißen Kopftuch, das die Stirn mehr als zur Hälfte bedeckt und, von einem um den Kops geschlungenen schwarzen Bande sestgehalten, rückwärts unter den Pilgermantel herabfällt, ragt die griechisch geformte Nase hervor. Der kleine, seingeschwungene Mund tritt etwas hinter dem kräftigen, Energie verrathenden Kinn zurück, das aus etwas starke Körpersormen hindeutet. Während ihr Gemahl ob des erstaun­lichen Vorgangs den Mund öffnet und die Augen anfreißt, verräth das Mienen­spiel der Frau gespannte Aufmerksamkeit, aber nicht die geringste Ueberraschung. Das schöne, große, klare Auge ist sanft, aber ruhig auf den Tisch gerichtet, während sie, die Arme über die Brust gekreuzt, mit einer Hand ihren Pilger­stab sesthält. Als Contrastfigur steht zwischen ihr und dem Vater, dem Hintergründe zu, ihr ältester, ihr ähnlicher Sohn, ein schöner Jüngling im vollen Lockenschmucke. Voll Staunens beugt er das Haupt sprechend zur Mutter herab, als Wolle er bei ihr Schutz suchen H.

Melozzo von Forli hat uns auch auf diesem Bilde, wie immer,seine Modelle mit fast brutaler Sicherheit vor Augen gestellt". Das dürfen wir jetzt mit Bestimmtheit sagen, nachdem der Gras Pasolini in seinem großen, überaus sorgfältigen Werke uns das innerste Wesen dieser Menschen, vor Allem das Caterina's, seiner berühmten Landsmännin, aus sicheren Quellen neu er­schlossen hat. Denn bei allem Interesse, welches das durch seine Schönheit wie durch seine außerordentlichen Thaten und Schicksale merkwürdige Weib einem Biographen einflößen muß, erlauben wir uns doch zu bezweifeln, daß der edle Gras ihm und der Aufhellung seiner Geschicke einen so nach­haltigen, nie ermüdenden Fleiß und Eifer gewidmet hätte, wenn nicht die Liebe zum väterlichen Boden und traumhafte Erinnerungen an früheste, blutige Vorgänge in seinen eigenen Familienbüchern ihm immer von Neuem wieder das Bild der gewaltigen und schönen Frau vor die Augen zurückgerufen hätten. Denn als die Sforza noch Attendoli hießen und in Cotignola, einem kleinen Flecken zwischen Castel Bolognese und Ravenna, hausten, da hatte sich schon am Ende des 14. Jahrhundertes um den Besitz einer reichen Erbin ein wüthen- der Kamps zwischen den zahlreichen Söhnen, welche Elisa degli Attendoli ihrem Gatten geschenkt hatte, und den Pasolini dell' Onda entsponnen, in dem diese erlagen. Jetzt, nachdem die zu Herzögen von Mailand gewordenen

0 Verschiedene Aufnahmen des Bildes bei Pasolini, I, S. 194, II, S. 390. Eine schöne, große Umrißzeichnung der Köpfe Caterina's und Girolamo Riario's in dem ausgezeichneten Werke von Schmarsow über Melozzo da Forli. Daß dieses Porträt Caterina's als das beste galt, geht auch daraus hervor, daß nach ihm offenbar ihr Bild in dem 1497 erschienenen Werke des Jacobus Philippus Bergomensis Hs elnris rnntisriduZ angefertigt ist. Pasolini, 1, S. 271. Auch das stilisirte Porträt Caterina's im Palazzo Vecchio zu Florenz von G. Vasari geht aus das Bild Melozzo's zurück.