Heft 
(1894) 82
Seite
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Am Haremsbrunnm.

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Brunnenwasser und tränkt die Wurzeln unter der Erde. Oben um den Brunnen geht der Esel mit den verbundenen Augen unter den geflochtenen Strohdeckeln noch fleißig in die Runde, während die schöpfenden Krüge am Rade auf- und niedertauchen und mit einem gurgelnden Ton das Wafser in die Röhren leeren. Die Brise weht frisch über uns hin und bringt einen feucht­salzigen Hauch vom Meere auf Hände und Lippen. Nun spannt der Alte den Esel ab der Garten ist getränkt und führt das Thier in den Stall am Hause, nachdem er die Binde von den Augen gelöst. Als er wiederkommt, trägt er eine alte Guitarre in der Hand, die sonst in seinem Kämmerchen ver­staubt an der Wand hängt und fängt an, mit schwacher aber klarer Stimme eine Romanze aus feiner Jugendzeit zu singen. Darüber wird es dunkler, und den Kindern fallen die Augen zu. Er lehnt das Instrument an die Mauer und stopft sich eine Pfeife. Das alte Lied hat die Erinnerung an alte Zeiten in ihm erweckt, wo er als jugendlicher Uhrmachergeselle von Rom und den Seinen Abschied genommen, um für Nimmerwiedersehen nach Tunis anszuwandern. Doch Maria unterbricht den redseligen Erzähler:

Es ist Zeit, schlafen zu gehen," meint sie,die Bambina ist müde. Sage gute Nacht, Teresa."

Die Kleine, aus der Mutter Knieen eingeschlafen, regt sich nicht.

Mach' die Augen auf," ruft diese ihr ins Ohr. Aber das Kind drückt sich nur noch fester in ihren Arm. Drinnen ist es heiß, und selbst die Kleinen können in der erstickenden Zimmerluft nicht schlafen.

Wart', so soll der Bn Kluba dich holen!"

Bei diesen Worten macht Teresa ein paar erschreckte Augen aus, und auch Matilde rückt näher an der Signora Knie.

Ja, ja, Bu Kluba," wiederholt sie.Er geht zur Nachtzeit um und holt die Kinder."

Laßt Teresa in Frieden," legt sich Pietro ins Mittel.Schon letzte Nacht hat Niemand vor Hitze und Moskitos die Augen zugethan. Gönnt ihr die frische Abendluft und macht dem Kinde nicht Angst mit Euren ungereimten Geschichten.

Signor Pietro hat Recht," mischen wir uns ins Gespräch.Bleibet, Signora, und sagt uns lieber, was es mit Eurem Bu Kluba aus sich hat. Jst's ein Gespenst oder gar ein wildes Thier, mit dem man den Kindern droht?"

Die Signora macht ein ernsthaftes Gesicht, froh im Stillen, am Brunnen­rande bleiben zu können.

Nicht das Eine und nicht das Andre," erwidert sie.Gespenster gibt's hier nicht, und die Afriten und Dschnune der Muselmänner haben uns guten Christen nichts an, denn sie fürchten das Zeichen des heiligen Kreuzes."

Was ist's denn aber mit dem ,Bu Klubw?"

Bu Kluba sama Bu Kluba," ist die Antwort. (Mit dem Wörtchen 8mna", fürwahr, das. fleißig in jeden Satz eingestreut, sich auf die verschieden­artigste Weise deuten läßt, glaubt der Malteser viel erklärt zu haben.)S's ist eine lange Geschichte und eine wahre obendrein. Kein Märchen etwa, wie's die Daui's aus den Märkten erzählen. Und mich graust's selber, dran zu denken."

Deutsche Rundschau. XXI, 4 . 9