Heft 
(1894) 82
Seite
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Botanische Streiszüge an der Riviera.

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VII.

Als ein Wunder des Esterels gilt das Malinsernet, ein versteinertes Felsenmärchen. Eine Straße sührt jetzt von Agah dahin, und drei Stunden Wagensahrt genügen, um es von St. Raphael zu erreichen. Wir ziehen die Fußwanderung vor und brechen von le Trajas aus, wohin wir mit der Bahn in einer halben Stunde gelangen. Dort kreuzen wir sogleich die Schienen und steigen am westlichen Abhang des vor uns sich erhebenden Berges in die Höhe. Wir wandern in Maquis, noch üppiger als wir es an andern Stellen des Esterels gesehen. Vom süßen Honigdust der Euphorbien sind wir säst betäubt. Weite Flächen werden gelb gefärbt von großblüthigen Pfriemensträuchern (OaUeotonm spinosa). Cistusrosen (Owtus aldiäus) beginnen eben ihre großen rothen Blüthen zu entfalten. Zunächst sind sie zerknittert, so wie sie es in dem engen Raum der Knospenhülle waren, doch breiten sie sich aus, verlieren bald alle Falten und locken nun die Schmetterlinge durch ihren zarten Farbenreiz. Wir pflücken keine dieser Blüthen, da sie zu vergänglich sind, der leiseste Wind­hauch trägt ihre Kronenblätter davon. Welche Fülle bunter Schmetterlinge belebt hier den Abhang. Blüthen und Schmetterlinge gehören ja zusammen. Der sonst seltene Falter Vntüoeüaij8 Luxüono ist hier fast gemein. Er gleicht unserem Anrorasalter, ist aber schwefelgelb, nicht weiß wie jener. Dieselben rothen Flecken zieren seine Vorderflügel. Unruhig und rasch fliegt er durch die Lüste. Ebenso behend ist der Osterluzeisalter (Rüaw koFxmm), dessen bräunlich gelbe Flügel mit schwarzen Zacken sich umrandet zeigen und rothe und blaue Flecken tragen. Er gleicht einem Harlekin, so bunt und besranzt ist seine Tracht. Langsam schweben in allen Richtungen die Segelfalter an uns vorüber. Bald haben wir einen Kamm erreicht, den wir überschreiten. Vor uns liegt ein waldiges Thal, dem wir abwärts folgen. Der Weg wendet sich plötzlich nach Westen, und ganz unvermittelt stehen wir am Ausgang des Malinsernet. Da ragen sie nun hervor ans dem dunklen Wald, alle die rothen Felsen hier in der Sonne glühend, dort in den Schatten der Berge getaucht. Sie verschieben sich gegeneinander bei jedem Schritt vorwärts; die einen schwinden, die andern treten hervor, fast endlos. Und der klare Bach, der das Thal durchströmt, rauscht entweder ganz laut, oder murmelt nur schwach und donnert dann wieder in Wasserfällen. Einmal verbirgt er sich ganz im grünen Laub der Bäume, dann tritt er wieder weit sichtbar vor und spiegelt mit Hellem Glanze den Himmel. Und erst die Felsen! Hier glaubt man einen spitzen Thurm zu sehen, wie den Thurm eines gothischen Domes, mit steinernen Blumen und Thieren und allerhand Schnörkeln verziert; dort eine Burg mit ihren Schanzen und Zinnen, hier einen schlanken Kegel, dort einen kantigen Crystall, hier wieder ein Standbild aus hohem Postament. Ist das nicht der Gott Osiris, der auf diesen Felsen thront? Er trägt zwei junge Kiefern wie Scepter in den Händen. Am Eingang jener Schlucht kauert eine Sphinx und holt aus zum Sprunge. Und dort am fernen Abhang scheint eine wilde Jagd den Berg hinabzurasen. Die phantastischen Thiere ragen hoch aus dem Wald hervor, in letztem Todeskamps zu Stein erstarrt. Da hat die Natur ihrem ungezügelten Gestaltungsdrang freien Lauf gelassen; sie schuf in übermüthiger