Heft 
(1894) 82
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Meine persönlichen Erinnerungen an Anton Rubinftein.

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Zu seinem OratoriumDas Paradies und die Peri" gegeben; wir entnahmen der unerschöpflichen Quelle musikalischen Inspiration denn auch FEcien David hatte gleichzeitig eineLalla Rookh" componirt die Rahmenerzählung und machten den jungen König, der als Sänger verkleidet unter dem Namen Feramors das Herz der ihm bestimmten Lalla Rookh auf der Brautfahrt ge­winnt, zum Träger der Handlung. Ein ganz besonderes Wohlgefallen hatte Rubinstein an der Figur des komischen Alten, des Hofwesirs Fadladin, dem er einige der feinsten humoristischen Züge lieh. Denn im Grunde seiner Seele war Rubinstein voll Humor, wenn es ihm auch völlig mißlang, eine rein komische Oper zu schreiben. Aber dieser Fadladin ist ein meisterhaft durchgeführter Charakter, und wenn die ganze Oper so wäre, wie der erste Act mit seiner unvergleichlichen Balletmusik, dem Lichtertanz und dem überaus originellen und wirksamen Schlußquartett, so würde sie sicher dem dauernden Bestand des Repertoires angehören.

Doch ich will meiner kleinen Erzählung nicht vorgreifen. Am 1 . Juni des Jahres 1861 , in dem wir uns noch befinden, erhielt ich aus Wien folgendes Schreiben:

Lieber Herr Rodenberg!

Heute reise ich von hier in die Schweiz, um ein bißchen ruhig arbeiten zu können, und zwar erwarte ich von Ihnen den Stoff zur Arbeit bitte Sie aber, wenn Sie an dasHohe Lied" noch nicht gegangen sind, dasselbe vorläufig bei Seite zu legen und gleich mitLalla Rookh" zu beginnen, da ich große Sehnsucht zu diesem Stoffe habe und überhaupt vor Allem am liebsten wieder an eine Oper mich machen möchte.

Auch bitte ich Sie vor Allem erst eine Scenirung der Oper einzusenden, da­mit dann nicht zu viel Zeit verloren wird.

Ich komme wahrscheinlich nicht nach Ostende dieses Jahr, da man mir hier eine Ausführung meiner Oper (se.Die Kinder der Haide") zu der Zeit verspricht also sehen können wir uns nicht eher als in Berlin Halste September. Also recht inständig bitte ich Sie, mir sobald als möglich etwas einzuschicken und mit herz­lichen Grüßen verbleibe ich Ihr ganz ergebener

Ant. Rubinstein.

Aber seiner Ungeduld rückte die Arbeit pur ckistaues nicht rasch genug vor; wenige Wochen nach jenem Briefe schon kam Rubinslein nach Berlin, miethete sich in der Französischen Straße mir schräg gegenüber eine Wohnung, und o der schönen Zeit! wenn ich täglich um die Mittagsstunde mit dem noch frischen Manuscript zu ihm kam und wir daun, nachdem wir die Verse gelesen und discutirt hatten, fröhlich zu Tisch gingen, in einer kleinen Restau­rationsstube der Jägerstraße, wo Robert Radecke, Louis Ehlert, Ferdinand Laub unsere Genossen waren und Rubinstein sich gütlich that an Rindfleisch und sauren Gurken! ... So gedieh derFeramors" herrlich, und mit dem fertigen Buch zog mein Componist glücklich und zufrieden, als es darüber Herbst geworden, gen Petersburg. Aber die Frühlingssonne des nächsten Jahres hatte noch nicht lange geschienen, als er eines Morgens früh um sechs oder sieben Uhr im Bärenpelz und die Partitur unter dem Arme wieder vor mir stand. Er war direct vom Bahnhof zu mir gefahren, und sein erstes Wort war:So geht das nicht, lieber Rodenberg, so geht das nicht! Sie