Heft 
(1894) 82
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Deutsche Rundschau.

müssen noch viel daran thun." Er legte dann die Partitur aus den Tisch, blätterte darin und setzte sich hierauf (immer noch im Bärenpelz) mit den Noten an mein jammervolles Pianino (das unter seinen kräftigen Griffen kläglich wimmerte), begann zu spielen und sang dazu:Ratten, Mäuse, Ratten, Mäuse" . . . Wohl zwanzig, dreißig Seiten hinter einander. Ich stand wie betäubt; er aber sprach:Ich habe das nur so darunter geschrieben, weil mir Ihre Worte fehlten. Sie müssen nun Etwas daraus machen." Und in der That ist eine der schönsten Arien des königlichen Sängers daraus geworden.

Aber mit den Ratten und Mäusen allein war es nicht gethan, es blieb auch sonst sehr Vieles theils abzuändern, theils neu zu gestalten; und Rubin­stein, der eben auf Einladung I. K. Hoheit der Frau Landgräfin Friedrich Wilhelm von Hessen, Prinzessin Anna von Preußen (ihr ist nachmals auch der Clavierauszug desFeramors" gewidmet worden) nach Kopenhagen ging, bat mich, ihm dahin zu folgen, was denn auch im Juni geschah. Vier un­vergeßliche, von Musik und Poesie bewegte Wochen verlebten wir dort, unter einem Dach, Zimmer an Zimmer, in den behaglichen Räumen des Köngen as Denmark. Dem Hotel gegenüber in der stillen Straße stand das altersgraue Schloß, in dem die landgräflichen Herrschaften residirten, das heimathliche Weiß-Roth muthete mich gar traulich an, und mit einer seltsamen Empfindung blickte ich zu meinem künftigen Landesherrn hinüber, der hier im Exil lebte, weil man ihm Wohnung und Hofstaat in Cassel verweigerte. O, des Um­schwungs der Dinge! . . . Wie viel, wie viel haben wir erlebt, und wie Wohl thut es, in der Erinnerung zu jenen Tagen zurückzukehren, wo wir jung waren und uns harmlos noch am Schönen erfreuen durften! Weite Spazier­fahrten denn die Spaziergänge liebte Rubinstein nicht am bewaldeten Seestrand, au den zierlichen, mit Thorwaldsen'schen Reliefs geschmückten Villen vorüber, durch die grünen Einsamkeiten des Thiergartens, oder Dämmer­stunden in Niels Gade's bescheidenem Sommerhaus, und er selber am Clavier, nordische Weisen spielend, oder Musikaufführungen in Rubinstein's Salon, bei Welchen auch der ehrwürdige Hartmann nicht fehlte dazu das behag­liche Leben in der reichen, kunstsinnigen Stadt, mit deren freundlichen, fein­gebildeten Bewohnern damals ein Deutscher noch zwanglos verkehren konnte!... Doch die Morgenstunden bis zum Mittag gehörten der Arbeit, und so früh ich kam auch ich kein später Aufsteher Rubinstein saß schon am Schreib­tisch, nachdem er bereits ein gehöriges Stück Tagewerk vollbracht: äußerst frugal gesrühstückt, seine Morgenlectüre (Zeitung und Roman, damalsw8 Msorablss" von Victor Hugo) beendet und ich weiß nicht wie viele Cigarretten geraucht hatte.

Mit Ablauf des Monats, in dem die Rosen blühen, hatten auch wir unser fürstliches Liebespaar im Schalimar der Rosenstadt Kaschmir glücklich vereinigt; und mir war es beschieden, im Anfang 1863, noch vor dem Com- ponisten, der ersten Ausführung desFeramors" in Dresden beizuwohnen auch ich unterdessen ein Bräutigam geworden! Krebs dirigirte das Werk, und neben mir, in einer kleinen Loge, saß Rietz, von Leipzig her noch Rubinstein's Lehrer, der, gespannt lauschend, bei jeder Schönheit mir glückselig die Hand