Heft 
(1894) 82
Seite
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Deutsche Rundschau.

nicht behauptet, dafür aber Proben einer uralten lateinischen Hymne mit- getheilt, deren Absingung die gnostischen Gottesdienste einleitet, und endlich Andeutungen darüber gemacht, daß die Neugnosis es darauf absehe, sich zu einer geistigen Aristokratie des Katholicismus zu entwickeln.

An Flüchtigkeit wird die den Gnostikern gewidmete Skizze nur noch durch den Bericht übertroffen, den unser Verfasser über den PariserIsis dienst" gibt, als dessen bekannteste Vorkämpfer der (im Jahre 1853 geborene, bei der Redaction desFigaro" beschäftigte, wegen seines RomansGaga" ver- urtheilt gewesene) Journalist Dubut de Laforest und der Romanschrift­steller Gilbert Augustin Thierry (ein Sohn des berühmten Historikers) ge­nannt werden; zeitweise soll auch die ehemaligeTheosophin", Herzogin de Pomare, an der Anbetung der ägyptischen Göttin Theil genommen und der Propaganda für dieselbe erhebliche Geldopser gebracht haben. Als Kern der angeblich von dem Kaiser Julian Apostata bekannten und von dem Kirchen­vater Origines (!) gepriesenen Lehre wird der Glaube an die Metempsychose (Wanderung der Seele von einem menschlichen Körper in den andern) bezeichnet und aus die Dichter Rena Caillis und Camille Chaigneau als Verherrlicher der­selben hingewiesen; ernsthaften Antheil an der neuen Lehre soll außerdem der Physiologe Richet nehmen. Dieesoterische" Philosophie dieser, offenbar zum Sport stoffbedürftiger Romandichter zweiter Classe gewordenen Religion redu- cirt sich aus ein paar allgemeine Redensarten über die Wesensgleichheit und Gleichwertigkeit aller irdischen Geschöpfe und auf das dem menschlichen Herzen eingepslanzte Gebot der Güte gegen alle Creatur Herrn Bois' Wissen über Ursprung und Entwickelungsgang der Sache beschränkt sich aus ein paar Säße über Isis und Osiris, die große Pyramide und die Sphinx von Giseh, wie sie in jeder Encyklopädie und jedem Reisehandbuch über Aegypten zu finden sind. Hier wie allenthalben, wo es den Dingen auf den Grund zu gehen gilt, nimmt unser Verfasser zu Allgemeinheiten und zu nirgends specifi- cirten Anführungen seine Zuflucht, die unentschieden lassen, ob es sich um bloßes Hörensagen, um bestimmte Zeugnisse Dritter oder um Thatsachen handelt, von deren Existenz der Verfasser oder dessen Gewährsmänner sich überzeugt haben. Es erscheint schon aus diesem Grunde unmöglich, aus den Redensarten, die über die sogenannte Secte der Luciserianer und deren Verwandte gemacht werden, einen bestimmten Kern herauszuschälen.

Soviel über den Inhalt des Bois'schen Buchs. Einem journalistischen Curiositätensammler, der es auf mehr als einen Platz unter denGelehrten des Figaro" nicht abgesehen hat, kann nicht Wohl zum Vorwurf gemacht werden, daß er ernsthafte Gegenstände leichtfertig behandelt. Zu wünschen wäre nur, daß die von Herrn Bois ausfindig gemachte Materie von Be­rufenen eingehender Untersuchung und Bearbeitung unterzogen und zum Gegenstände zusammensassender Darstellung gemacht würde. Es könnte das in Deutschland ebenso gut geschehen, wie in Frankreich wissen wir doch sattsam, daß den Pariserkleinen Religionen" analoge Erscheinungen in ab­gelegenen Winkeln und Ecken deutscher Städte vielfach ihr Wesen treiben, und daß auch unter uns abergläubische Thoren und thörichte Freigeister Anläufe zu