Heft 
(1894) 82
Seite
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Deutsche Rundschau.

Schicken Sie mir doch einfach Roswitha . . hatte Rummschüttel gesagt. Ja, war denn Roswitha bei Esst? war sie denn statt in der Keith- in der Königgrätzerstraße? Gewiß war sie's und zwar sehr lange schon, gerade so lange wie Esst selbst in der Königgrätzerstraße wohnte. Schon drei Tage vor diesem Einzug hatte sich Roswitha bei ihrer lieben gnädigen Frau sehen lassen, und das war ein großer Tag für beide gewesen, so sehr, daß dieses Tages hier noch nachträglich gedacht werden muß.

Esst hatte damals, als der elterliche Absagebrief aus Hohen-Cremmen kam und sie mit dem Abendzuge von Ems nach Berlin zurückreiste, nicht gleich eine selbständige Wohnung genommen, sondern es mit einem Unterkommen in einem Pensionats versucht. Es war ihr damit auch leidlich geglückt. Die beiden Damen, die dem Pensionats Vorständen, waren gebildet und voll Rück­sicht und hatten es längst verlernt, neugierig zu sein. Es kam da so vieles zusammen, daß ein Eindringenwollen in die Geheimnisse jedes Einzelnen viel zu umständlich gewesen wäre. Dergleichen hinderte nur den Geschäftsgang. Effi, die die mit den Augen angestellten Kreuzverhöre der Zwicker noch in Erinnerung hatte, fühlte sich denn auch von dieser Zurückhaltung der Pen­sionsdamen sehr angenehm berührt, als aber vierzehn Tage vorüber waren, empfand sie doch deutlich, daß die hier herrschende Gesammtatmosphäre, die physische wie die moralische, nicht Wohl ertragbar für sie sei. Bei Tisch waren sie zumeist zu sieben, und zwar außer Effi und der einen Penfionsvorsteherin (die andere leitete draußen das Wirtschaftliche) zwei die Hochschule besuchende Engländerinnen, eine adelige Dame aus Sachsen, eine sehr hübsche galizische Jüdin, von der Niemand wußte, was sie eigentlich vorhatte, und eine Cantors- tochter aus Polzin in Pommern, die Malerin werden wollte. Das war eine schlimme Zusammensetzung, und die gegenseitigen Ueberheblichkeiten, bei denen die Engländerinnen merkwürdigerweise nicht absolut obenan standen, sondern mit der vom höchsten Malergefühl erfüllten Polzinerin um die Palme rangen, waren unerquicklich; dennoch wäre Effi, die sich passiv verhielt, über den Druck, den diese geistige Atmosphäre übte, hinweggekommen, wenn nicht, rein physisch und äußerlich, die sich hinzugesellende Pensionsluft gewesen wäre. Woraus sich diese eigentlich zusammensetzte, war vielleicht überhaupt unerforschlich, aber daß sie der sehr empfindlichen Effi den Athem raubte, war nur zu gewiß, und so sah sie sich, aus diesem äußerlichen Grunde, sehr bald schon zur Aus- und Umschau nach einer anderen Wohnung gezwungen, die sie denn auch in ver- hältnißmäßiger Nähe fand. Es war dies die vorgeschilderte Wohnung in der Königgrätzerstraße. Sie sollte dieselbe zu Beginn des Herbstvierteljahrs be­ziehen, hatte das Nöthige dazu beschafft und zählte während der letzten Sep­tembertage die Stunden bis zur Erlösung aus dem Pensionat.

An einem dieser letzten Tage sie hatte sich eine Viertelstunde zuvor aus dem Eßzimmer zurückgezogen und gedachte sich eben auf einem mit einem großblumigen Wollstoff überzogenen Seegras-Sopha auszuruhen, wurde leise an ihre Thür geklopft.

Herein."