Heft 
(1894) 82
Seite
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Aus Karl Friedrich Reinhard's Leben.

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Als Vertreter des Kaisers hatte Reinhard den Vorrang vor allen Ge­sandten. Man sagte von ihm, er spiele die Rolle eines Dictators. Doch auch hier blieb er seiner zurückhaltenden Art getreu: nichts war ihm fremder, als überhebend sich vorzudrängen.Er scheint," so schrieb von ihm der preu­ßische Geschäststräger Köster,viel Bescheidenheit mit Kenntnissen und hervor­ragender Begabung zu vereinigen." Und so bezeugt auch Harnier die Be­scheidenheit des würdigen Mannes, der der lauten Berühmtheit aus dem Wege ging und, was ihm an äußeren Auszeichnungen zu Theil wurde, mit gelassener Hingebung als unvermeidliche Zugabe der Amtskleidung ertrug, was freilich nicht ausschloß, daß er zuweilen, wo er es für nöthig fand, von seinem amt­lichen Ansehen in einer Weise Gebrauch machte, die ihm als Anmaßung und Selbstüberhebung ausgelegt wurde. Als ein hochgebildeter Mann, in dem der Diplomat durch den Menschen veredelt war, der unausgesetzt seine Kenntnisse zu erweitern suchte, dessen classische Bildung die Quelle der Einheit und Festigkeit seines sittlichen Willens war, der in den Dichtern seine höchste Er­quickung fand und in der Freundschaft mit Gleichgesinnten, so erscheint Rein­hard in der Schilderung des befreundeten Arztes, und wie Goethe und Stessens, wie Rist und Boisserse, rühmt Harnier seinbeharrlich deutsch ge­bliebenes Gemüth".

Bis auf einen gewissen Grad kann man auch einen seiner Zeit viel­gelesenen Roman als Beitrag zur Charakteristik Reinhard's in dieser Zeit gelten lassen. Heinrich König hat in dem RomanKönig Jerome's Carneval" Personen und Zustände der westfälischeil Zeit zu einem dichterischen Gemälde ausgestaltet, wobei er wesentlich Mittheilungen eben Haruier's benützte. Dieser hatteals Arzt und als Mann von Welt und hoher Bildung mit den be­deutendsten Persönlichkeiten der Jeromischen Residenz verkehrt und gab mir Charakter- und Personalschilderungen von solchen Männern und Frauen, aus die ich es für meinen Roman abgesehen hatte." Daß seine Schilderung Rein­hard's auf den Mittheilungen eben dieses Freundes beruht, ist ersichtlich genug. König zeichnet den französischen Gesandten als hochgewachsen, mager, bartlos;das Haar in Taubenflügeln gepudert, in Schuhen und Strümpfen, wie er sich gewöhnlich trug, erinnerte er an einen altfranzösischen Marquis." Was er weiter von ihm berichtet die schwere Zunge, seinen Goethe-Cultus und seinen weltbürgerlichen Sinn, seine Rechtschaffenheit und schwäbische Gemüth- lichkeit, dann seine peinliche Stellung zwischen Franzosen und Deutschen, die Schwierigkeit seiner Ausgabe, den Kaiser über Deutschland zu beschwichtigen und über sich selbst, das Alles ist unverkennbar nach einer guten Vorlage gezeichnet. Aber es sind schiefe Züge beigemischt, gegen die Reinhard am ersten Verwahrung eingelegt hätte. Der Dichter übertreibt und erweist Reinhard einen schlechten Dienst, wenn er den Anschein erweckt, als sei der französische Gesandte ein duldsamer, ja heimlich einverstandener Mitwisser der gegen die Fremdherrschaft sich vorbereitenden Bewegung gewesen, der seine schützenden Flügel über die Verschworenen hielt und sogar mit Begeisterung dem künftigen Befreiungskampf entgegensah, in den Berichten an den Kaiser aber eine rück­haltende, parteiische Auswahl traf. So war es denn doch nicht. Das heißt