Aus Karl Friedrich Reinhard's Leben.
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Ter Gesandte Frankreichs wurde von einer Abordnung seiner Collegen eingeladen, sich an bie Spitze einer Maskerade zu stellen, die einen Bey von Aegypten mit seinem Harem darstellte, und er willigte ein. Der Zug schritt vor dem König und der Königin vorüber; einige Geschenke, einige Verse wurden dargeboten und angenommen; Alles geschah als Pantomime. Der König fand die Ausführung geschmackvoll, und sie schien allgemeines Vergnügen zu machen.
Um ein Uhr war dann Essen in den Gemächern der Königin, zu dem die Gesandten Frankreichs und Hollands als die Familienminister geladen waren, die Frauen der anderen Gesandten aber ohne ihre Männer, — was diese nicht wenig verdroß. Es war dasselbe Ballsest, über das Reinhard auch an Goethe berichtete, mit dem Hinzusügen: „Im Uebrigen geht es uns hier gut genug; der Kaiser ist, der König scheint mit mir zusrieden, und so hoffe ich mich denn durch die Fastenzeit durchzuarbeiten, wie ich mich durch den Carneval durchgearbeitet habe."
Bei dem Suchen nach Mitteln, um aus den finanziellen Nöthen herans- znkommen, die dem Königreich schon in die Wiege gelegt worden waren, wurden, wie voranszusehen war, die Universitäten nicht geschont. Die kleineren wenigstens, Marburg. Rinteln, Helmstedt, sollten fallen. Müller war untröstlich. Jedes der wissenschaftlichen Institute war ihm ans Herz gewachsen, und nun sollte er selbst die Hand zu ihrer Zerstörung bieten. Er wandte sich an Reinhard um Hülfe, und dieser richtete wirklich am 29. März an seinen Minister eine Schuhschrift für die Bedrohten. Beredt sind darin alle Gründe entwickelt, die Müller für das Bestehen der Hochschulen und für jede einzelne von ihnen ins Feld führte, und zum Schluß verstärkt der Gesandte diese Gründe durch das Gewicht der eigenen Meinung. Ersparnisse, Veränderungen, sagt er, sind nothwendig, den Erfordernissen der Zeit müssen auch die geschichtlichen Erinnerungen Weichen; aber was Jahrhunderte hindurch unleugbar wohlthätig gewirkt hat, darf nicht den Bedürfnissen des Augenblicks aus- geopsert werden, und jedenfalls jetzt am Vorabend großer Entscheidungen in Deutschland wäre der Zeitpunkt übel gewählt. Die Depesche, in der es nicht an Schmeicheleien für Napoleon fehlte, war ein Muster von diplomatischer Feinheit, sie hat aber wenigstens Rinteln und Helmstedt nicht länger als bis Ende dieses Jahres das Leben zu fristen vermocht. Göttingen, Halle und Marburg wurden gerettet. Das Argument, das Müllern in den Mund gelegt wird: „Die Kosten des Unterhalts aller dieser nützlichen Anstalten übersteigen nicht 600 000 Frank; die Möblirnng eines Palastes weniger würde genügen, diese Ausgabe zu decken", ist eine jener scharfen, scheinbar absichtslos eingestreuten Bemerkungen, wie sie Reinhard liebt, und die seinen diplomatischen Stil so pikant machen. In einer Depesche vom 18. Februar schilderte er die Hauptpersönlichkeiten am Hofe, die Minister, die fremden Gesandten, und diese Porträts sind voll von solchen scharf charakterisirenden, sarkastischen Strichen. Vom Finanzminister Bülow, dem Neffen des Fürsten Hardenberg, schrieb er: „Er steht im Rufe, daß er die Franzosen nicht liebe; ist es aus Abneigung oder bloß, weil er Finanzminister ist?" Die Andeutung, daß an der üblen Finanzlage des Staates die Franzosen die Schuld tragen, konnte nicht in feinerer und anscheinend harmloserer Weise nach Paris gebracht werden.
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