Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
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gläubische Bauern unter Anwendung von Faxen verschmitzt auf die Wege des gesunden Menschenverstandes. In solchen Fällen schwang er dann wohl den vergilbten und verfleckten literari­schen Nachlaß des Schäfers als Schibboleth.

Rationalistische Zeiten bringen immer eine Hochblüte der Pädagogik, und so war denn auch der Großvater als echter Nach­fahre der Aufklärung eine durchaus lehrhafte Natur. Aus seinem Leben berichtete er mit Vorliebe Ereignisse, die seinen Grund­satz:Dat geiht all natürlich to bewiesen. Möge er also eine dieser Geschichten noch einmal erzählen! Ja, das war in einer Nacht vom Sonntag zum Montag, da klopft es an das Schlaf­stubenfenster. Ich fahre hoch und frage, was los ist.Christian Peters, höre ich sagen,ob Er man nach Eisendorf kommen wollte, da ist unsere braune Stute krank. Ich ziehe mich also an und gehe raus. Da steht ein Knecht, er ist beritten und hat auch für mich ein Reitpferd mitgebracht. Wir steigen auf und setzen uns in Trab. Den Knecht da kenne ich wohl; er ist sonst ein ganz schnutiger Bengel. Aber heute nacht hat er gar nichts zu Kauf und gibt sehr kurze Antworten. Aha, denke ich, dem ist jetzt schon spökelig zu Sinn. Zwischen Großvollstedt und Müh­lendorf müssen wir nämlich durch eine Sandkuhle reiten, und da spukt es. Das wissen alle Leute, und dagegen ist gar nichts zu sagen. Na, ich will ihn denn ja beruhigen und sage ihm, was ich von Spökelgeschichten halte. Sieh mal, mein Junge, dat geiht all natürlich to. Er knurrt denn auch was in den Bart, womit er mir wohl Beifall geben will; aber ich merke doch, daß ich nichts aus­richte. Anderswo mag sich das Unheimliche aufklären; aber die Sandkuhle zwischen Großvollstedt und Mühlendorf ist ein hoff­nungsloser Fall. Da spökelt es ganz gewiß.

Weildessen hatte ein kleiner Fisselregen angefangen. Hinter Großvollstedt sagte mein Knecht kein Sterbenswort mehr. Nun mußte es denn ja auch gerade so hinkommen, daß wir in der Geisterstunde an die Spökelstelle kamen. So, nun war es so weit! Wir biegen in die Kuhle ein, und da sind die Geister denn auch schon versammelt. Mein Knecht schreit leise auf, und ich kann mir denken, wie ihm unter der Kappe die Haare zu Berge steigen und wie ihm die kalten Gräsen über den Rücken ziehen. Unsere Pferde werden unruhig, fangen an zu schnauben und steilen sich

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