Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
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hoch. Nichts ist von drüben zu hören; aber die Geister, die da in einer langen weißen Reihe den Weg sperren, kommen langsam näher.Was kann das bloß sein? denke ich. Mit einem Mal schlägt es mich durch, und nun weiß ich Bescheid.Deerns, rufe ich,laßt die Röcke herunter; ihr macht uns die Pferde bange. Ja, ja, klingt es von drüben, und dann ist der Spuk verschwun­den. Mir war nämlich eingefallen, daß es in Mühlendorf an dem Abend was zu tanzen gegeben hatte. Nun kamen die Großvoll­stedter Deerns von da zurück. Des Regens wegen hatten sie ihre Kleiderröcke über den Kopf genommen und kamen nun in ihren weißen Unterröcken daher. Siehst du wohl, mein Junge, sagte ich zu dem Knecht, merke dir das:Dat geiht all natürlich to!

Dennoch habe ich jetzt den begründeten Verdacht, daß der Großvater um der erziehlichen Wirkung willen die Unbeirrbar­keit und Selbstsicherheit seiner Haltung durch sozusagen schau­spielerische Mittel augenfälliger machte. Er hatte um sein Leben aus wohlbehauenen Verstandesgründen einen Ringwall aufge­türmt, und seine beruhigenden Reden von der unbedingten Fried­fertigkeit der draußen wirkenden Mächte klangen immer ein wenig wie vom Wehrgang herunter. Am Ende wird unter solchen Umständen sogar ein Kind mißtrauisch, weil ihm die Burgbefesti­gungen zu der behaupteten Friedfertigkeit der Welt denn doch im Widerspruch zu stehen scheinen.

Ja, der Großvater hat vom Wehrgang aus das verdächtige Gesindel im Vorgelände herumschleichen sehen. Mein Vater er­zählte mir später, daß der Ahn vor Erwachsenen zuweilen seinem lauten und breiten Wort:Dat geiht all natürlich to leiser und einräumend ein anderes folgen ließ:Dat gifft wat in de Welt! Da haben wir, zur Formel verkürzt, Hamlets Erkenntnis, daß gewisse Dinge über die Schulweisheit hinausgehen. Wie hätte Christian Peters seinen streitbaren Rationalismus auch aufrecht­erhalten sollen gegenüber einer Erfahrung, die er einst an seinem Dorfgenossen Peter Tanck machte? Die beiden Männer, gute Freunde seit je, gingen einmal am späten Abend durch das Dorf und führten arglos ihr Gespräch von den Dingen des Alltags. Plötzlich es war vor der Einfahrt auf einen Bauernhof ver­lor Christian Peters ohne allen ersichtlichen Grund das Gleich­gewicht und fiel so heftig auf die Erde, als habe Es ihn hinge­

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