Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
Seite
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_ unangefochten stolz sein bis zum Tage der Entdeckung, daß schon _ Plotin ihn vorgetragen hat. Obwohl nun die Bestätigung eines eigenen Gedankens durch den alten Weisen etwas außerordentlich Stärkendes hatte, brachte sie doch auch wie das so zu gehen pflegt dem jugendlichen Wahn denkerischer Originalität starke Schrumpfungen, war also _ hinsichtlich des Selbstgefühls von zweideutiger Wirkung. Es ordnet sich der Raum vornehmlich dem Leibhaften, dem nach außen gerichteten Tätigsein des Menschen zu, die Zeit aber dem Leben der Seele; und so ist man versucht, auch hier die dem _ Deutschen so teure Antithese von Zivilisation und Kultur zu er­kennen. Es mag wohl das Gefühl, als Herr über den Planeten gesetzt zu sein, zum ersten Mal wie ein Rausch über den Men­schen gekommen sein, als es ihm gelungen war, Reit- und Zug­tiere zu zähmen und Wagen zu bauen. Welch ein Triumph, den Raum in kürzester Zeit zu bezwingen, und dabei gleichzeitig die Mühen der Fortbewegung auf die überlistete Mitkreatur abzu­_ wälzen! Dies war ein Anfang, von dem zunächst eine langsame, durch _ mäßige Steigerungen gekennzeichnete Entwicklung ausging, die für das menschliche Selbstbewußtsein ein überaus bekömmliches Klima schuf, bis mit der Dampfmaschine das eigentlichvelo­ ziferische Zeitalter anbrach. Nun wurde es schwierig, der dun­kel empfundenen Pflicht zu genügen, die gewonnene Zeit für das Leben der Seele zu nutzen. Es erhob sich die Frage:Was fangen wir an mit der ersparten Zeit? Diese metaphysische Beunruhi­gung, die Furcht vor dem Schadennehmen an der Seele, ließ sich für längere Zeit bannen mit dem Spruch:Time is money. Da die Welt sich zunehmend merkantilisierte, konnte sich das wilde, besessene Streben nach immer schnellerer Raumüberwindung noch für eine Weile als zahm und rationalisiert geben. Die Begründung Time is money war so wunderbar plausibel.

Wo das Wort des AugustinusGott und meine Seele nichts weiter Leitstern der Lebensfahrt ist, da erscheint es als Torheit, für den Raum kostbare Zeit zu opfern. Einsiedler und Mönche aller Religionen wissen das, und jedes Leben, das entschieden auf den Geist und das Innere gerichtet ist, nimmt in seinem Äußeren mit Notwendigkeit Züge des Mönchischen an.

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