Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
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immer aufgeregtes Ticken ausgemacht hämisch vor. Dabei sah die bunte Bemalung des Zifferblattes doch sehr harmlos aus, und die Rosen waren vor lauter Treuherzigkeit kaum von Äpfeln zu unterscheiden. Ihrer ermunternden roten Prallheit wider­sprach dann wieder der gelbe, welke und rissige Grund des Zifferblattes, das wohl an ein Hexengesicht gemahnen konnte. In dem sogenanntenAnsagen zu neun machte sich die Uhr an manchem Abend weiterhin verdächtig. Dies Geschäft besorgte sie mit einem langen und ungebührlich lauten, schadenfrohen Krächzen, das rasselnd heraufkam wie aus einer verbrauchten Altweiberbrust. Von allen Dingen der Welt war allein die Uhr mir nicht wohlgesinnt, und es mag wohl sein, daß sie in langem Zusammenleben etwas von den Unberechenbarkeiten der Ur­großmutter angenommen hatte. Deren Lebensweg lag nämlich streckenweise in einem sehr verdächtigen Dunkel und hätte nach dem, was ich später erfahren habe, in weniger weitherzigen Zei­ten sehr wohl auf einem Scheiterhaufen enden können. Um neun Uhr wurden die Lote der alten Uhr rasselnd hochgezogen. Damit war der Tag zu Ende, und oft mußte ich mit ungelöster Span­nung ins Bett gehen.$

Aber der nächste Abend fand uns alle wieder lesend im Schein der Petroleumlampe, auf deren Flamme aus dem bronzierten Gestänge von drei Seiten Löwen hineilten, die wohl sehr klein waren, und doch mit erhobenem Schweif und aufgesperrtem Rachen ein gutes Bild urtümlicher Wildheit abgaben. Wenn ein inneres Bild vor dem Weiterlesen noch einmal überschaut, ein Gedanke noch einmal übersonnen werden wollte, so fiel der Blick fast notwendig auf die kleinen Löwen. Es war gut, den im An­sprung erstarrten Tieren zuzusehen; sie gehörten auf gewisse Weise hinein in jedes Lesenden Geschichte. Ganz besonders in die der Knaben, die da über Indianer- und Reisebüchern saßen, aber auch in die Lesewelt der Eltern. Denn auch sie wandelten lesend in einer fremden Welt, selbst dann noch, wenn sie die Erzähler der Heimat von Menschen und Dingen der Heimat reden hör­ten. Es war doch eine verwandelte Welt, eine Welt, die über viele Sorgen und Nöte des mühevollen Tages hinaushob. Zwei versorgte und abgearbeitete Menschen vergaßen die Gedrückt­heit und Enge ihres Lebens, weil sie in einem lebendigen Gefühl

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