Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
Seite
157
Einzelbild herunterladen

zum erstenmal die Lampe angezündet wurde, war nicht mehr daran zu zweifeln, daß er sein Versprechen einlösen werde. Vor­erst mußte eine kleine Stehlampe noch für einige Wochen den Dienst versehen. Aber im Anfang des Oktober wurde die große Hängelampe an einem Balken der niedrigen Zimmerdecke auf­gehängt, und damit war der Sommer ganz vergangen.

Das Anzünden der Petroleumlampe hatte sich die Mutter vor­behalten, und ich wußte wohl, daß sie sich durch mein Betteln in der Wahl des Zeitpunktes nie beirren ließ. Die Lampe durfte nicht leuchten, bevor nicht im Abwarten wirklicher Dunkelheit der immer vorhandenen Notwendigkeit des Sparens eine Reve­renz erwiesen war. Ich legte mein Buch auf die Fensterbank und nutzte das schwindende Tageslicht bis zum Außersten. Und dann saß ich mit meiner Ungeduld im Dunkel und meinte jedesmal, wenn in der Küche das Klappern und Rumoren für einen Augen­blick aussetzte, nun müsse die Mutter erscheinen. Aber diese stillen Sekunden narrten mich immer wieder, und die Ungeduld wuchs. Wenn dann das Licht endlich aufflammte, so hatte es in langem und oft enttäuschtem Warten die alte Würde einer Got­tesgabe wiedergewonnen, und vom Herrichten der Petroleum­lampe ging eine eigene Feierlichkeit aus. Das war anders, als wenn heute bei der ersten leisen Belästigung durch die Vorboten der Dämmerung gedankenlos und undankbar der Schalter der elektrischen Schreibtischlampe umgelegt wird.

Nach dem Abendbrot kam die Zeit des allgemeinen Lesens, das jeden aus seiner genießerischen Vereinzelung heimholte in die Weihe der Gemeinsamkeit. Diese kargen anderthalb Stunden waren nicht belangloses Anhängsel, nicht gleichgültiges Füllsel einer Leere vor dem Schlaf. Auf sie schritt der lange Arbeitstag meiner Eltern hin wie auf seine Krönung und Erfüllung, in ihnen lag eines ganzen Tages Reichtum beschlossen.

Am jenseitigen Rande dieser Feierlichkeit aber stand im Dun­kel schon der neue Tag mit seinen Forderungen. Darum mußte pünktlich um neun Uhr ein Ende gemacht werden, und Aus­nahmen gab es nicht. Die Uhr meiner Urgroßmutter tat in un­erbittlicher Pflichttreue ihren Dienst, und zuweilen, wenn sich der Rest meiner Geschichte und die verbleibende Zeit unmöglich in ein befriedigendes Verhältnis bringen ließen, kam mir ihr

157