Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
Seite
156
Einzelbild herunterladen

stand in einer Ecke am Fenster das Erbe des Sonderlings aufgebaut: Bücher, viele, Hunderte von Büchern. Da stand die gesamte Hem­pelsche Klassiker-Bibliothek in Lieferungen zu 2!/2 Silbergroschen.

Sie trugen alle denselben roten Rock, waren zu einem großen Teil noch unaufgeschnitten, und an den rohen Rändern hatte vielleicht nicht nur die Zeit ihren Zahn, sondern gelegentlich auch eine Maus das ganze Gebiß versucht. Zudem waren diese Ränder bräunlich angeräuchert. Aber die Bücher atmeten trotz­dem Adel aus. In ihrem Hauch war der Geruch der Drucker­schwärze durch langwierige Kämpfe des Papiers mit der dumpf­feuchten Luft oft ungeheizter und nach ländlicher Art fast nie gelüfteter Räume eigenartig ins Modrig-Schimmelige abgewan- 4 delt. Gegen einen solchen Geruch mag an und für sich mancherlei

einzuwenden sein. Da er aber an diesen Büchern haftete, warer

mir von Anfang her ehrwürdig.

Nun las ich ohne Plan und Ordnung das, was mich eben reizte, und immer wieder trug ich aus unerschöpflichem Vorrat kleine Stapel ins Elternhaus. Es war manchmal nicht ganz einfach, dabei in unserer Stube dersegensreichen Himmelstochter Ordnung ihr volles Recht zu geben. Wenn sich das einmal wieder sehr deutlich zeigte, dann holte meine Mutter, wenigstens in tempe­ramentvoller Rede, zum großen Schlage wider das Papierunwe­sen aus und wollte dabei nicht wahrhaben, daß sie selbst die Schriften am allerwenigsten hätte entbehren können. Auch vergaß sie in ihrem Eifer, daß sie selbst mit einem alten Jahrgang derGartenlaube, den sie, vielleicht erst gestern, mühsam in ihrer_ Schürze die zwei Kilometer von Hans Vollert herangeschleift_ hatte, an dieser letzten und ärgsten Verwirrung die Schuld trug

Im Sommer wurde es den Eltern sehr schwer, noch ein wenig Zeit für Bücher zu erübrigen. Da mußte jeder sehen, wie er zu dem Seinen kam, und eine Gemeinsamkeit des Lesens gab es nicht. An einem Augustabend aber geschah es in jedem Jahr, daß mein Vater vorzeitig den Immenhag verließ mit den Worten:Ik kann nix mehr sehn. Ja, ja, to Großvadder sien Geburtsdag Klock acht düster. Dann zog mir immer ein kleiner Schaue durchs Herz, dann war ich der lauten und zerstreuenden Freu den des Sommers mit einem Mal müde, und der Herbst verhieß_ wie in jedem Jahr Stille, Sammlung und Verinnerlichung. Wenn.

156