war. Drängende Arbeit hatte wohl am Morgen und Vormittag ihr Recht verlangt und für Stunden den Glanz des Glückes aus den Augen verdrängt. Aber zwei Stunden der Muße beim Nähen haben ihn wieder hervorgelockt. Wie schön, wenn er von nun an täglich in dieser Stunde hervorbräche!
Sie lächelt den Sohn an wie ein junges Mädchen.„Nun, Mutter?“ fragt er mit einem wissenden Lachen, das neben aller Mitfreude doch auch einen leisen, naseweisen Spott verrät, ein wenig altkluge Erhabenheit über eine so hemmungslose Begeisterung. Aber die Mutter achtet des Spottes nicht, sieht kein Miß verhältnis zwischen ihrem Jahren und ihrer Begeisterung, gesteht mit einem sonst nicht geübten Freimut, wo ihre Gedanken sind, sagt:
„Ja, Junge, hurre, hopp hopp hopp! Ging’s fort in sausendem Galopp, Daß Roß und Reiter schnoben
Und Kies und Funken stoben.“
Sie war keine alte Frau mehr. Sie schürzte, sprang und schwang sich auf das Roß behende, das sie wegtrug aus dem beginnenden Verfall, von dem die Gegenwart voll war, weg aus der Enge und Sorge des Lebens, vorbei an Mühe und Arbeit, vorbei an Enttäuschungen vieler Art, vorbei an dem Grabe eines Kindes, zurück in die Jugend und in das Glück.
Der Vater stand in seiner Böttcherwerkstatt am Block. Auch um Weihnachten hatte sein Arbeitstag immer noch zehn Stunden, und im Sommer, wenn nach dem Arbeitsschluß in der Werkstatt die Bienen noch ihre Wartung forderten, waren es vierzehn. Er wußte, daß sein Platz am Werkblock ein verlorener Posten war. Denn alles, was seine Hände aus bunt- und eigengemaserten, stark und eigen duftenden Hölzern erstehen ließen, die Fabriken boten es nun in einem unpersönlichen und kalten Metall entmutigend billig an. Ein Handwerk, das sich über 200 Jahre her in dem Geschlecht vererbt und entwickelt hatte, das vielleicht auch einmal von goldenem Boden reden durfte, gewährte einer Familie nur noch ein bescheidenes Leben von der Hand in den Mund. Der Meistertitel des Vaters konnte nicht darüber täuschen, daß der städtische Lohnarbeiter ein leichteres Leben hatte.
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