Aber der Vater sträubte sich gegen die Entwurzelung, nicht zwar mit Anklagen und politischen Redereien, sondern durch immer wachsende Beharrlichkeit am Werkblock. Er war ein Sohn des Jahres 1848. Ihm galt das Volk mehr als Partei oder Klasse. Die bunte, ehemals schwarz-rot-goldene und nun schon lange schwarz-weiß-rot gegliederte Vielfalt eines Volkes war ihm mehr als die rote Gleichförmigkeit einer internationalen Klasse, die nur durch die Sorge um das tägliche Brot zusammengehalten wird. Denn dieser schlichte Mann, der wahrlich vom Kampf ums Brot ein trübes Lied zu singen wußte, hatte bei harter Arbeit erfahren, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Er hatte von deutscher Dichtung in sich aufgenommen, was immer ihm möglich gewesen war, fühlte sich verbunden mit allen, die deutsche Sprache reden und von deutsch Gedachtem und Gedichtetem ihr Leben bestimmen lassen, fühlte sich auch dann mit ihnen eins, wenn sie durch größeres Einkommen und höhere gesellschaftliche Geltung weit von seiner Mühsal abgerückt schienen. Ihn verband mit anderen nicht Übereinstimmung der wirtschaftlichen Interessen, sondern die Gemeinsamkeit des Volksschicksals, und obwohl dem Einkommen und der äußeren Lebenshaltung nach schon Proletarier, blieb er doch ein liberaler Bürger von 1848.
Immer mußte er seinen kleinen Kahn mit äußerster Anstrengung gegen eine Zeitströmung halten, die im Anfang der Fahrt noch nicht vorhanden war. Sie drängte ihn ab von dem Strande, an dem er landen und leben wollte. Und als er die Strömung doch überwand, da konnte er nur seine Söhne noch landen lassen. Er selbst aber war müde und alt geworden und streckte sich in seinem Nachen zum Sterben hin.
Die Söhne sollten einmal nicht am Werkblock des Böttchers in einem aussichtslosen Kampf stehen. Aber sie mußten, solange sie Knaben waren, an bestimmten Tagen der Woche in der Werkstatt helfen. Über das Donnern der Dechsel und Hämmer, über das Knirschen der Hobel hinweg wurde gesungen und gesprochen_ von Dingen, die mit der Arbeit, roh gesehen, keinen Zusammen-_ hang hatten und doch von der Seele her den hämmernden Armen_ freudigen Schwung gaben. a
Gern sprach der Vater von Fritz Reuter. Die Lebensgeschichte eines in allem Unglück begnadeten Menschen, den die Kleinlich
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