keit und Beschränktheit des übelberatenen, anmaßenden„Gottesgnadentums“ ganz nahe an den Rand des Verderbens gestoßen hatte, versetzte den alten Achtundvierziger in einen hochgemuten Zorn. Aber dann gab er etwas zum besten von der außen schnurrig-verschnörkelten, im Wesen aber einfachen und großen Menschlichkeit des Zacharias Bräsig; und über dem Fronlärm der Werkstatt war das Lachen freier Menschen. Darin war Fritz Reuter dem Vater ein Vorbild: in der hohen Fähigkeit, keiner Erbitterung Raum zu geben, trotz aller Not menschen- und lebensfreundlich zu bleiben.
Der Vater hatte in jüngeren Jahren Reuters Werke von seinem alten Lehrer entliehen.„Vadder Bock“ hatte die Bücher zum siebzigsten Geburtstag von seiner Gemeinde als Geschenk erhalten. Wenn schon der alte Lehrer trotz seiner großen Verehrung für Fritz Reuter doch nie an den Erwerb seiner Werke durch Kauf gedacht hatte, so wäre ein Streben nach solchem Besitz dem Vater als eine vollendete Vermessenheit erschienen. Sein jüngerer Bruder, Böttcher wie er, hatte den Kauf gewagt. Aber darum war ihm sein Leben doch nicht geraten. Onkel Fritz war eine warnende Stimme aus dem Lande der Schatten: wenn man ein kleiner Handwerker ist, muß das Verlangen nach Dichtung und Musik immer sehr kurz am Zügel gehalten werden. Der Kauf der teuren Hinstorffschen Reuter-Ausgabe war eine Tat der Hybris und stand als Warnung da. Als eines Tages die verwitwete Tante zurückforderte, was von den„Sämtlichen Werken“ bei uns auf dem Schrank lag, trauerte der Vater den Büchern von Herzen nach.
Aber da war doch eine Hoffnung auf ein zukünftiges, ungehindertes Reuter-Lesen.
Der Dorfhandwerker belehrte seinen zehnjährigen Sohn bei der Arbeit über die Schutzfrist geistigen Eigentums:„Reuter ist vierundsiebzig gestorben. 1904 werden seine Bücher frei und damit billig. Junge, vielleicht kann ich mir dann auch noch mal Reuters Werke kaufen.“
In seinen Augen stand eine ganz junge, ganz unverbrauchte Zukunftshoffnung in hellem Lodern. Am Nachmittage eines entsagungsvollen Lebens die paar Bücher erwerben zu können, das war ja wohl keine unbillige Forderung. Aber er sah in der Erfül
163