Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
Seite
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Er weiß nichts, und er sagt, ich bin klug genug, und schickt mich weg, seine Kühe zu hüten.

Vadder Bock erhob in ernster Mißbilligung so unerwarteter kritischer Keckheit abwehrend die Hand; aber da er den schmäch­tigen Knaben unmöglich den nicht unbeträchtlichen Weg nach Eisendorf unverweilt zurückschicken konnte, so mochte denn Christian Ralf sich einstweilen da irgendwo auf eine Bank setzen.

Als die Mittagspause gekommen war, hatte der kleine Fremd­ling als Tageszehrung nur ein armseliges Stück Brot vorzuweisen. Vadder Bock mußte also ein übriges tun: mußte den Knaben an seinen Tisch nehmen. Nach getanem Tagewerk aber wurde Chri­stian Ralf mit einer ernsten Zurechtweisung entlassen:Dies kann nicht angehen! Morgen gehst du wieder in Eisendorf zur Schule!

Am folgenden Tage aber saß mit Beginn des Unterrichts Chri­stian Ralf schon an dem Platz, der ihm gestern zu gastweiser Be­nutzung angewiesen worden war, saß da mit unverkennbar schlechtem Gewissen, aber. ebenso unverkennbar wild entschlos­sen, das einmal Eroberte nicht fahren zu lassen.

Was willst du schon wieder? herrschte ihn der Lehrer an.

Und wieder bekam er die schon einmal vernommene Antwort: Ich will etwas lernen! Und das sagte der Junge bei aller Be­fangenheit mit einer seltsamen Bestimmtheit, mit einer fast er­schreckenden Festigkeit des Tones, als wolle er gegen das unstatt­hafteSchon wieder der Frage Verwahrung einlegen. Als wenn

Christian Ralf von gestern auf heute etwas anderes will! Chri­

stian Ralf will etwas lernen!

Da gab Vadder Bock seinen Widerstand vorläufig auf. Da bezwang er die naheliegende Befürchtung, durch stille Aufnahme des entlaufenen, respektlosen Schülers den Herrn Kollegen in Eisendorf arg zu verstimmen. Da widerlegte er in Gedanken schon die Einwände seiner Frau gegen diesen ungebetenen stän­digen Gast an ihrem Mittagstisch. Die Einwände der Lehrersfrau sind sicher nicht unbegründet gewesen; Christian Ralf war wohl lernbegierig, aber auch über die ihm vorgesetzte leibliche Speise stürzte er sich, wenigstens im Anfang, mit Gier. Er war eben in jedem Betracht ausgehungert. Daheim, in der armseligen Kate der Mutter, gab es schmale Kost. Denn da war kein Vater, der

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