ich meine Strümpfe weder schmutzig werden noch auch nur durchnässen lassen durfte, saß an meinen Platz gebannt, während sich Paula im Bach vergnügte. Es kam ihr— wie sich schnell zeigte— nur auf das Waten an. Vielleicht genoß sie unbewußt den Kitzel des Spiels mit einem gefährlichen Element, das Hochgefühl, mitten drin zu stehen und doch unangreifbar zu sein.
Ich weiß nicht, für wie lange Zeit die Hexe mich an meinen Stein„festmachte“. Zuletzt erschien meine Mutter und brachte eine Erlösung, die ich als solche nicht nach Gebühr würdigen konnte. Paula zog die Stiefel aus und huschte davon. Unter den eifernden Worten der Mutter kam doch etwas wie Beschämung über mich? Ich sollte mich auf meinem Stein richtig„wie Trumpf sieben“ ausgenommen haben.„Du Töffel! Du Töffel!“ hohnlachte sie. Da fiel mir zum Trost ein, daß wenigstens Jörn Sievers mich nicht in meiner beschimenden Lage überrascht hatte.
Es fehlte auch nicht an ärgerlichen Auslassungen über die „freche Deern“; aber den vollendeten Hochmut der Seßhaften konnte und durfte meine Mutter nicht aufbringen. Hatte sie nicht, einer seltsamen Lockung erliegend, als junges Mädchen im Wohnwagen der Familie Sommer gesessen, um sich von Paulas Großmutter, welche zur Harfe sang, die über vierzig Strophen des ergreifenden Sanges von„Myrtills zerfallner Hütte“ diktieren zu lassen?
Als sozusagen säkularisierter Rattenfänger von Hameln war der Zigeuner Altenburg eine durchaus lächerliche Erscheinung. In Paula aber waren noch Zaubermächte wirksam, von denen die Sage berichtet, und in diesem Mädchen begegnete der kleine Dulder auf seinem Stein am Bachrand der Kirke und den Sirenen zugleich. Wir fanden uns am nächsten Tage wieder zusammen, und wieder war es mir trotz meiner Armseligkeit vergönnt, der „hehren, der schöngelockten, melodischen Göttin“ einen Dienst zu erweisen. Der Kolophoniumvorrat der Akrobatengruppe, in der Paula mitwirkte, war so zusammengeschmolzen, daß die tadellose Exekution der Nummer als gefährdet gelten mußte. Da versprach ich, von Prahlsucht und Hilfsbereitschaft zu gleichen Teilen hingerissen, dem Mangel abzuhelfen. Durch den Besitz von Kolophonium konnte ich mich der Hohen gegenüber notdürftig als auch aus künstlerischem Milieu herkommend auswei
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