Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
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bewunderte ihn sogar mit Ausschweifung. Aber wenn nun nach vollbrachter Tat Hochgefühle an mein Herz pochten, wie sie Siegfried und dem Ritter Sankt Jürgen gekommen sein müssen, hätte ich sie da mit dem Hinweis auf meine Untätigkeit während des Kampfes abweisen sollen? Ich öffnete ihnen die Tür weit.

Es besteht kein Zwang, von Brammer her Bokel auf dem Um­weg über die Steppen des wilden Westens zu erreichen. Man kann auch den Sandweg wählen, der am Richtplatz vorbeiführt. An einem leuchtenden Sommertag hat das nicht die geringsten Be­denken; da ist der Schauer vor dem Ungeheuerlichen nur eine besondere Würze der Wanderlust. Hier irgendwo ist es geschehen. Hier hat ein Handwerksbursche seinen ahnungslosen Wander­gefährten um einer armseligen Barschaft willen erschlagen und ihn dann im Graben hinter einem Brombeerendickicht obenhin verscharrt. Die Stelle kann keiner mehr genau bezeichnen, und darum stehen wir da still, wo am Wegrand die Brombeere be­sonders üppig wuchert, und meinen, hier könne der Tote wohl gelegen haben, und ein Schauer greift mir ans Herz. Und hier nun ist der Richtplatz: ein dreieckiges Stück Odland, heide­bewachsen, vom Weg und den Wällen zweier Koppeln begrenzt. Da ist dem Mörder das Haupt abgeschlagen worden. Dies alles lautet wie eine Mär aus der Vorzeit, und doch stand einst in der Menge, die zum Genuß des erbaulichen Schauspiels herbeigeeilt war, auch unser Großvater, zu dem wir auf dem Wege sind. Aber die Zeugenschaft seiner Augen hilft uns wenig, und wenn wir ihn auch heute wieder nach Näherem fragen, so wird er wie immer belehrend hervorheben, daß jede Untat ans Licht kommen muß, im übrigen aber sagen, daß er sich abwandte, als der Henker das Beil hob. Damit weicht dann alles in die Ferne zurück.

Wir bleiben am Richtplatz nicht stehen; wir betreten dieses Unland nicht; es treibt uns nicht, den Ort zu suchen, wo ver­mutlich das Blutgerüst stand. Schweigend gehen wir vorbei, den unheimlichen Ort mit scheuem Auge streifend, und vielleicht haben sich unsere Schritte unmerklich beschleunigt. Auf den an­grenzenden Koppeln wächst das Getreide, nicht üppig zwar, aber doch treuherzig, wohlgesinnt und nach bestem Vermögen. Der Richtplatz aber liegt wüst. Die Menschen ahnen wohl, daß er

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