verflucht ist, daß ihnen dieser Acker hinfort sein Vermögen nicht geben darf, weil er sein Maul auftun mußte, um Kains verruchtes Blut zu empfangen.
Das Erlebnis des Vorbeigehens am Richtplatz zieht durch die erbangende Kinderseele; aber es nistet sich dort für heute nicht ein. Wir sind nun in der Heide zwischen Bokel und Vollstedt. Vor dem herben, kräftigen Geruch, der sommers aus grell und prall besonnter Heide aufsteigt, verfliegt der faulige Blutdunst über der Stätte des Mordes und seiner Sühne. Selige Sommerstille erstickt unter ihrem seidigen Gespinst die Klänge des Armesünderglöckleins, und wenn die Stille zerrissen wird, so geschieht ihr das nicht vom Gekrächze der Raben am Hochgericht, sondern vom Jubel der Lerchen.
Auf solchen Wanderungen gab mein Bruder erzählend an mich weiter, was er sich lesend zugeeignet hatte. Ich stäunte andächtig zur Höhe seiner Belesenheit empor, die ihr Besitzer insofern zuweilen ein wenig mißbrauchte, als er mich durch einen Gutschein auf Geschichten zu allerlei langwierigen Dienstleistungen nötigte, denen er oft erst nach wiederholtem und stürmischem Mahnen kurz und unzureichend die Einlösung folgen ließ.
Den Belehrungen des Alteren verdanke ich bedeutungsvolle Aufhellungen eines unklaren Bildes der Welt. An einem Abend, als wir in unserer dunklen Kammer vor dem Schlafen noch von vielen Dingen des bunten Lebens flüsterten, traf mich eine ganz beiläufige und gar nicht auf besondere Wirkung berechnete Anmerkung über lebende Dichter mit überirdischer Gewalt. Bis zu diesem Augenblick waren für mich die Dichter Menschen einer gesteigerten Art, Angehörige des versunkenen Heroenzeitalters. Und wie es trotz des gewaltigen Karl Abs in Hamburg keinen Herkules und keinen Siegfried mehr geben kann, so wird auch keinem Sterblichen mehr die Geistesmacht eignen, die zum Dichter macht.„Heute leben auch Dichter, und es werden immer neue geboren“, wiederholte mein Bruder, seine erste Aussage bekräftigend. Er sprach ein wenig mitleidig-herablassend, war aber doch gewiß sehr stolz, mit so schlichten Selbstverständlichkeiten ein viel tieferes Staunen hervorrufen zu können als mit den verwirrendsten Märchen. In mir war eine Verwandlung vorgegangen. Das Bild der Welt erschien mir näher und verstandesklarer und war
102