Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
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doch zugleich seliger entrückt und in einen magischen Dämmer getaucht. Das Leben war mir plötzlich wie geweiht, unser Aus­geschlossensein von wahrer Größe weniger hoffnungslos. Ich selbst wurde mir werter bei dem Gedanken, Dichter als Zeit­genossen zu haben. Wenn ich auch ihrer einem nie begegnen konnte, weil es aus meinem Dorf in ihre Welt keinen Zugang gab, so war doch an dieser schönen Verwandlung der Welt nichts mehr zu ändern. Einen unbewußten und dunkel nur empfunde­nen Mangel konnte ich plötzlich benennen; aber derselbe Augen­blick, der ihn mir solcherart auf die Seele wälzte, nahm ihn auch schon mit der Gewalt jäh gewachsener Erkenntnis hinweg und machte ihn wesenlos. Da war die Welt vollkommen.

Von Dichtern ging auch die Rede, als wir zwischen Bokel und Vollstedt über die Heide wanderten. Vor uns im Osten steigen die bewaldeten Höhen auf, durch welche dort die seenreiche, parkartige Landschaft des östlichen Holsteins mit adelsstolzer Entschiedenheit von der armseligen Geest abrückt. Dort liegt, nicht mehr fern, das Emkendorfer Schloß, wo einst Dichter aus­und eingingen, die Brüder Stolberg, Matthias Claudius und an­dere, wo einmal sogar Goethe erwartet wurde. Wenn man am Schloß vorbei unter den königlichen Bäumen der großen Allee auf Westensee zuwandert, so kann es einen mit einem Male durchschauern: Diese Stelle des Bodens hat einst vielleicht auch Klopstocks Fuß berührt. Was immer auch die ganz echten Luhn­stedter zum Preise ihrer alten bäuerlichen Freiheit vorbringen mögen, die Wege und Redder ihrer Gemarkung hat nie eines Dichters Fuß geweiht. Und weil mein Vater in der Nähe Emken­dorfs seine jungen Jahre verlebt hatte, schien mir unser Ge­schlecht, ob es gleich nur bescheidene Handwerker hervorbrachte, doch seinen kleinen Anteil zu haben an einem Adel, der nicht äußerlich auf den Namen des Grafen von Reventlow-Criminil sich gründet, sondern auf das Wirken des Geistes.

In Vollstedt, zwanzig Minuten nur von Emkendorf entfernt, endete unsere Wanderung. Wir begrüßten den Großvater, der uns aus sehr klaren grauen Augen erfreut und etwas schelmisch anlachte. Ein weißer Kranzbart umgab Wangen und Kinn. Bei aller Ehrwürdigkeit war er uns doch ein vertrauter Freund. An diesem Tage sahen wir die Sonne unter einen fremden Horizont

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