Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
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herabsteigen. Im Abenddämmer standen wir noch einen Augen­blick am Scheunentor, warfen auch wohl noch einen Blick in die erstaunliche schwarze Tiefe des Vollstedter Soots. Dann kam im Gastbett der Schlaf schneller und herrischer als sonst.

Ja, der Großvater mußte uns als der Ahn gelten, weil von den Böttchern Peters, die seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts in der kleinen Stadt Nortorf ansässig waren, doch gar zu wenig überliefert ist. Der Großvater dieses Großvaters ist im Winter von 1813 auf 1814 eines Todes gestorben, der nicht ganz natür­lich war und gar mit den Zügen der in Schleswig-Holstein noch heute vielberedeten Kosaken unmittelbaren Zusammenhang ge­habt haben soll. Die Familienüberlieferung will wissen, daß der Böttcher Peters, als in Nortorf höchst beunruhigende Gerüchte über das Anrücken der Kosaken von Neumünster her laut wur­den, sein Pferd sattelte und ausritt, um Gewißheit zu erlangen. An einer Wegbiegung wäre er beinahe in die Vorhut der frem­den, wilden Krieger hineingeritten. Die Reiter riefen ihn mit unverständlich rauhen Lauten an, und als er sein Pferd zur Flucht wandte, schickten sie ihm erst ein paar Kugeln nach und nahmen dann die Verfolgung auf. Er entkam ihnen aber, brachte den Mitbürgern warnende Gewißheit und ging ohne Verzug daran, seine Kostbarkeiten zu vergraben: eichene Bohlen und Silber­sachen. In der folgenden Nacht hat dann ein Herzschlag sein Leben beendet.

Die Geschichte klang sehr schön, war aber durch keinerlei Ur­kunden bezeugt, und ich glaube auch, daß die Peters diese Sache auf sich beruhen ließen in der vielleicht nicht unbegründeten Be­fürchtung, der grelle Scheinwerfer der historischen Forschung könne im ahnungsvoll verdämmernden Raum der Legende ver­hängnisvolle Wirkungen haben. Ich stellte über die alte Ge­schichte sehr herzstärkende Betrachtungen an. Mit Luhnstedt verglichen, war Nortorf eine volkreiche Stätte brandenden Le­bens, und wenn dort in einer für das Gemeinwesen sehr ernsten Stunde der Ruf nach einem Mann der kühnen Tat ertönt, so braucht man sich nicht mit dem erstbesten zu bescheiden; denn es stehen viele zur Wahl. Der Böttcher Peters muß demnach ent­weder im Ort der Mann eines wohlverdienten allgemeinen Ver­trauens gewesen sein, oder auch: die Höhe der Stunde hat ihn

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