Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
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Regel an, die da besagt, daß alles natürlich zugeht. Um der Wahrhaftigkeit willen fühlte er sich verpflichtet, vor gereiften Menschen das Dasein dunkler Kräfte kurz zu bestätigen; aber er gab ihrem wider Gott rebellischen Wirken in seinem Denken keinen weiteren Raum.

Dann ist ein Drittes noch, das in seinem Leben eine Macht war. Es enthüllte sich mir, als ich später, etwa sechs Jahre nach der vorhin geschilderten Wanderung, an einem Sonntagvormittag im September einen Gang zu dem Ahnen machte. Da war der Großvater 85 Jahre alt. Ich sah beim Gang über die Heide schon im Geist das ruhige Greisengesicht bei meinem Eintritt in seine Stube in freudige Bewegung geraten und genoß dabei in einer schon ausschweifenden Art meine Wichtigkeit. Bei meiner An­kunft wollte ich denn auch sofort geräuschvoll bei ihm einbrechen, um ihm die Freude, mich zu sehen, keine Minute über das un­bedingt Notwendige hinaus vorzuenthalten. Im letzten Augen­blick aber erwischte die Tante noch meinen Arm, zog mich von der Tür zurück und sagte leise und eindringlich:Er liest seine Predigt. Geh in den Garten und sei still! Ich rufe dich dann.

In tiefer Betroffenheit ging ich die Steige des septemberbunten Gartens auf und ab. Die Sonne, die mir auf dem Wege mit un­verminderter sommerlicher Gewalt ins Gesicht gebrannt hatte, schien nun mit einem verwandelten Licht. Eine linde Wehmut wehte mich an; noch vor der rechten Ankunft kam mir der Ge­danke an den Abschied, und abgeerntete Beete sprachen mir plötzlich vom Hinsinken des alternden Jahres. Die Zeit ging hin leere Zeit. Ich sah ihrem stillen Hinfließen zu, und die Knabenungeduld saß verschüchtert in ihrem Winkel und wagte sich nicht hervor. Endlich rief mich die Tante,

Da trat ich im Flur vorsichtig auf, öffnete die Tür mit aller Behutsamkeit, sagte scheu und leise ein Grußwort und blieb auf der Schwelle stehen. Ich wagte nicht mehr, lärmend auf den Großvater zuzustürzen; das Gefühl meiner Wichtigkeit hatte mich ganz verlassen. Dort, mir gegenüber saß er, der Ahn, in seinem Lehnstuhl. Hinter ihm in der Zimmerecke stand die alte Uhr. Auf seinen Knien hielt er, noch aufgeschlagen, die ehr­würdige Postille mit den aufgerauhten Ecken und Kanten ihres Ledereinbands, dem vergilbten Papier und dem großen, altmodi­

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