Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
Seite
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dikat, sagte Trina Lebang, da lebte sie noch. Mit dieser hinge­worfenen Redensart, die sie in ihrer Jugend irgendwo aufgehoben| hatte, bezeichnete meine Mutter immer den höchsten Grad der Verfallenheit an den Trunk. Aber Hans lachte weiter und zeigte| sich moralischer Betrachtungsweise des Lebens abgeneigter denn| je. Sein Grundsatz war: leben und leben lassen, was im vorliegen-| den Falle so viel hieß wie: Grog trinken und Fusel trinken lassen. Als wir auf der Katzheide waren, setzte Regen ein. Wir hüll-| ten uns in Decken und Tücher und setzten der beginnenden Er-| nüchterung, die bei uns andern denn doch etwas anders beschaffen| war als bei Hans Vollert, unsern Gesang entgegen. Und da es nun Abend geworden war, wir so friedesam über die Katzheide dahinfuhren und für den nächsten Tag nicht eben die festlichen Erregungen des heutigen zwar, aber doch die auch sehr schätzens­werte Geborgenheit im Gleichmaß des dörflichen Lebens zu ge­wärtigen hatten, so sangen wir:| Ahnungsgrauend, todesmutig bricht der große Morgen an. Und die Sonne, kalt und blutig, leuchtet unsrer blutgen Bahn. In der nächsten Stunde Schoße liegt das Schicksal einer Welt, und es zittern schon die Lose, und der ehrne Würfel fällt.| Es kam keinem in den Sinn, hier etwas lächerlich und unan­gebracht zu finden. Die Verse meines geliebten Theodor Körners| und die getragene Melodie waren schön, und es kam doch nur darauf an, dem schönen Tag ein schönes Ende zu sichern. In der rührenden Verfallenheit an den Zauber des Wortes und der Melodie hatten Marieken und Hans in ihrer Jugend die Grund-_ lage einer Lebensfreundschaft gefunden.. Aber trotz allem: das Schicksal war auf dem Wege. Wenig mehr als ein Jahrzehnt später hörte ich in mir dasBundeslied vor der Schlacht wie von Trompeten und Posaunen geblasen._ Am 23. August 1914, in der Frühe eines kühlen, nebligen Sonn tags, zogen wir über die Heide vor Mons dem ersten Zusammen prall mit der bewaffneten Macht Englands entgegen. Da lag, fern aller poetischen Übertreibung, Beschönigung und Verschleie­

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