Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1958) Prosa
Entstehung
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der mit drolligenAphorismen zur Lebensweisheit aufwartete und nur fassungslos war, wenn ihn ein plötzlich ausbrechendes Gewitter zwang, in unserem Hause Zuflucht zu suchen. Die Böttcherkate stand ja am Dorfeingang, und was bei nahendem Unwetter von den Feldern flüchtete, fand hier ein schützendes Dach. Der Gast aber, den ich immer mit einem heimlichen Jubel begrüßte, war Hans Vollert, der Unübertreffliche, der Unver­wüstliche, Zu den Dorfeingesessenen gesellten sich Durchwan­dernde aus den umliegenden Dörfern. Fahrende Händler würz­ten das Gespräch mit ihrer größeren Weltläufigkeit, und als der bis dahin unbekannte Bahnarbeiter Staben einmal des Regens wegen mit seinem Frühstück in die Werkstatt flüchtete, hatte er das Herz meiner Mutter in einer Viertelstunde gewonnen und zählte von da ab zu den Vertrauten:Wat kunn de Kerl snacken! Wat fulln em de Wörd!

Allen, die darin verkehrt, war ein guter Mut beschert.

Nicht nur zu Scherz und Kurzweil kehrten die Leute gern bei meinen Eltern ein. Es kamen Ratsuchende, denen nach bestem Wissen geholfen wurde. Die schlichte und gleichmäßig warme Menschlichkeit dieses Hauses muß allen wohlgetan haben, auch den Schuldbeladenen. Einmal saß bei meiner Mutter in der Küche ein junger, etwa dreißigjähriger Mann auf dem Rand des Torfkastens. Er hatte sich durch eigene Schuld in die Vereinsa­mung drängen lassen und trug schwer an der kalten Ablehnung, die ihm überall entgegenschlug. Nun erzählte er der viel älteren Frau seine düstere Geschichte, klagte sich an, erleichterte sein Ge­wissen und ging gewiß gestärkt an seine Arbeit zurück. Denn so unerbittlich meine Mutter aus der Ferne in ihrem Urteil über hartgesottene Sünder sein konnte, so milde war sie da, wo ihr der bloße menschliche Jammer des Schuldigen unter die Augen kam.

Der italienische Schachtmeister Antonio Campanella, der eine blonde, verschlossene Luhnstedterin geheiratet hatte, machte mit südländischem Ungestüm meine Mutter zu seiner Vertrauten. Diese Ehe war ein einziges großes Unglück, und ihre unselige

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